Die Schönen und die Reichen

Wichtig sein oder in der Sonne sitzen?

Was ist wahrer Luxus?

Du kennst sicherlich den Ausspruch:

„Die erste Million ist die Schwerste“.

Ich verdiente natürlich keine Millionen. Aber im übertragenen Sinne lernte ich die Wahrheit dieses Satzes kennen. Denn wenn Du erst einmal einen gewissen Level erreicht hast im Leben, scheint der Rest einfach zu funktionieren. Und Du schwimmst, trunken vor Stolz, auf der Erfolgswelle mit. 

Mein Lebenslauf tat sein Übriges. So schaffte ich sehr einfach und schnell den Jobwechsel von der Porsche AG Stuttgart zurück nach München, in meine alte Wahlheimat. Auch dieses Mal war wieder nur das Beste gut genug für mich. Nächste Station: Wolford, das Luxus Unternehmen für exklusive Damen Beinbekleidung und Accessoires. Und dieses Mal sogar als Marketing Chefin für den deutschen Markt. Toll!

Erwartungsvoll und voller Elan begann ich dort meinen neuen Job. Und freute mich auf die Modewelt. Meistens weiss man aber viel zu wenig, wenn man erneut ins kalte Wasser springt. So warteten auch hier auf mich viele spannende Dinge, aber auch so manche böse Überraschung. Wie ich mit der Zeit schmerzlich herausfinden sollte…

Von Erwartungen und Verpflichtungen.

Die Marketingabteilung war erst einmal aus- und aufzubauen für den deutschen Markt. Umsatzwachstum und weitere Steigerung der Markenbekanntheit waren das Ziel. Was ich zu Beginn allerdings nicht wusste, diese Ziele sollten auch mit personellen Umstrukturierungen einhergehen.

Und ich sollte als neuer Marketingchef und „Mitglied der Geschäftsführung“ auch dafür instrumentalisiert werden. Die erste Amtshandlung, die mein Chef also von mir verlangte: „Schmeissen Sie den bisherigen und einzigen Marketing Mitarbeiter raus!“ Wie bitte? Ich kenne den Kollegen doch noch gar nicht gut. Weiss nicht, wie er arbeitet. Ausserdem hat er langjährige Erfahrungen und Kontakte“. Die lapidare Antwort, „das hätte mich nicht zu interessieren“, Chefsache! Das fing ja schon gut an. Mir sträubten sich zu Beginn schon alle Nackenhaare.

Mein Chef, ein Ex-Unternehmensberater war selbst neu abgeworben worden. Um die Tochtergesellschaft in Deutschland „mal so richtig auf Vordermann“ zu bringen. Und ich sollte ihm offensichtlich dabei helfen.

Ich musste sehr schnell erkennen, dass nicht nur mein Fachwissen und solide Arbeit gefragt waren. Sondern auch ganz andere Fähigkeiten, die meinem Naturell überhaupt nicht entsprechen. Und meinen eigenen Werten völlig zuwider liefen. Aber was tun? Ich hatte gerade einen Top Job gekündigt, die Stadt gewechselt, eine teure Wohnung in Innenstadtlage gemietet, war Verpflichtungen eingegangen. Anderen und vor allem mir selbst gegenüber. Denn generell werfe ich die Flinte nicht so schnell ins Korn. Meine Devise einmal mehr: „Durchbeissen. Es gibt nix, was man nicht kann…“.

Diese Mitarbeiter Kündigung konnte und wollte ich aber auf keinen Fall aussprechen. Zumal sich besagter Mitarbeiter als sehr netter, hilfsbereiter und fleissiger junger Mann herausstellte. Für den die neue Situation ebenfalls höchst unangenehm war. Hatte er doch ursprünglich ebenfalls die Marketing Leitung angestrebt. Eine sehr ungute Situation für uns Beide. Um es vorweg zu nehmen, ich blieb meinen Werten treu, übte die ersten Widerworte gegen meinen neuen Vorgesetzten – es sollten nicht die letzten bleiben – und habe dem Kollegen nicht gekündigt.
Stattdessen machte ich mich an meine eigentliche fachliche Arbeit. Klassisches Endverbraucher- und Handelsmarketing „auf Teufel komm raus“. Aufbau einer Marketingabteilung mit Handelsmarketing, klassischer Werbung und PR.

Marketing ist alles.

Unser Kern Produktsortiment, teure, hochwertige und modische Damenstrümpfe, brachte es mit sich, dass ich Marketing auch hier wieder in der obersten Liga spielen durfte. Mit entsprechenden Budgets auf der einen und hohen Erwartungen auf der anderen Seite.

Die bekanntesten Fotografen wie Mario Testino oder Helmut Newton arbeiteten für Wolford. Die Kooperation mit allen Mode Zeitschriften von ELLE bis VOGUE gehörten zum Job und machten ihn interessant. Die Redakteurinnen der wichtigsten Modejournale wollten überzeugt werden von der Einzigartigkeit, Qualität und Trendsicherheit unserer Produkte. Produktmuster, ganzseitige Inserate und Geschäftsessen taten ihr Übriges, damit unsere Strümpfe nicht nur in aller Munde, sondern auch an „aller Beine“ und in allen Magazinen waren. Exklusive Flagship Stores an Top Lagen wuchsen wie Pilze aus dem Boden und wollten mit Glanz und Gloria eröffnet werden. Chefeinkäufern grosser Handelshäuser machten wir unsere Aufwartung…und der Umsatz wuchs proportional zu unseren Anstrengungen.

Einmal mehr angekommen in einem meiner Kindheitsträume, der Sehnsucht aller Sehnsüchte. Im Olymp der Fashion Szene. Nun musste ich nicht mehr wie in Kindheitstagen ein einziges VOGUE Heft wie einen seltenen Schatz aufbewahren. Automatisch flatterte jeden Monat die aktuelle Ausgabe auf meinen Tisch, dazu noch dutzende anderer Mode Magazine. So viele, dass gar keine Zeit war, alle wirklich zu lesen. Meetings mit Redakteurinnen, Einladungen zu deren High Class Events in Münchner und Hamburger Nobel Locations. Sogar ein Foto von mir im Heft „Vogue bei…“ Eröffnung des Münchner Flagship Stores in der Maximilian Strasse.

Eigene Events organisieren, auf denen die Creme de la Creme sich tummelte. Promis, Stars und Sternchen…und ich mitten drin. Mein Büro in der mondänen Maximilianstrasse, über den Dächern des Luxus. Selbst zum Fashion Junkie geworden, der immer modisch up to date war. Und einmal mehr nur für die Marke und das Unternehmen lebte. Das verlangte ja allein die Position schon.

Ich war endlich ganz weit oben. Und weit weg vom Hocker hinter der Kuchentheke im kleinen badischen Dorf meiner Kindheitstage. Weit weg von meiner bescheidenen, bodenständigen Familie, der Großmutter mit der Kittelschürze und den roten Apfelbäckchen. Und sehr weit weg von einem normalen, gesunden Alltagsablauf.

Eine weitere grosse Sehnsucht aus Jugendtagen war gestillt. Irgendwie…und irgendwie auch nicht. Denn neue oder vielmehr alt bekannte Sehnsüchte traten wieder an ihre Stelle.

Von obdachlosen Philosophen.

Kennst Du das Gefühl? Man ist mitten drin, rennet, rettet, flüchtet. Von einem Meeting zum anderen, wichtige Termine, wichtige Leute. Wenig Zeit, viele Aufgaben. Und mitten drin plötzlich ein seltsames Erlebnis. Ein kleines, unscheinbares, dennoch besonderes.  Das so gar nicht passen will zum Rest drum herum. Nach dem Motto: „Bin ich eigentlich auf der richtigen Spur?“…Oder im falschen Film?“…“Finde den Fehler!“

Immer wieder hatte ich solche Situationen und Déja Vu’s, deren einzelne Episoden Bände füllen könnten. Eine war jedoch so eindrücklich, dass sie mir bis heute geblieben ist:

Vom schicken Gärtnerplatz Viertel in München, wo ich wohnte, konnte ich zu Fuss ins Büro gehen. Allein schon wegen der Parkplatznot in der Maximilianstrasse sehr praktisch und komfortabel.
Eines Morgens im Sommer kam ich an einem Obdachlosen vorbei, der dort sass. An die bereits warme Hauswand einer Nobelboutique gelehnt, lächelte er mich freundlich an. In seinem viel zu grossen, abgewetzten Mantel, mit dem grauen Rauschebart und seinem verfilzten Hund neben sich, bildete er einen bizarren Kontrast. Und strahlte dennoch eine angenehme Ruhe und Gelassenheit aus. Während alle um ihn herum völlig gestresst, total gestylt mit ernsten Mienen herum wuselten. So wie ich. In der einen Hand die dicke Aktentasche, in der anderen den obligaten „Coffee to go“.
Er schaute mich direkt an, grüsste und meinte:

“Ich wünsche Ihnen einen wunderbaren sonnigen und angenehmen Tag, junge Frau.“

Und in dem Moment passierte etwas mit mir. Ich hielt kurz inne. Grüsste verdutzt zurück und lächelte unsicher, bevor ich weiter hetzte. Mit vollen Händen und wenig Zeit. Ich lächelte auch noch, als ich im Büro ankam. Das war übrigens das einzige Mal an diesem Tag.

Kennst Du die Anekdote von Diogenes in der Tonne? Der einst von Alexander dem Grossen gefragt wurde, was dieser für ihn tun könne. Und dem grossen Feldherrn dann folgende Antwort gab:

„Geh mir nur ein wenig aus der Sonne.“

Das hatte Alexander angeblich so sehr verdutzt, aber auch beeindruckt, dass er später zu seinen Gefolgsleuten sagte: „Wahrlich wäre ich nicht Alexander, ich möchte wohl Diogenes sein.“

So ähnlich erging es mir an jenem Sommermorgen. Dieser Mann, zufrieden in der frühen Sommersonne sitzend, mit seinem Hund strahlte für mich soviel Überlegenheit, Freiheit und Gelassenheit aus. „Ist das nicht auch Luxus?“, dachte ich bei mir. „Vielleicht sogar der wahre?“ Kurz wurde ich ein wenig neidisch – im positiven Sinne. Denn diese Attribute waren mir in jener Zeit so völlig abhanden gekommen. Genau wie mein Lächeln.

Als ich abends wieder an derselben Stelle des Gehwegs vorbei kam, und ihm eine Münze in seinen Hut werfen wollte, war er verschwunden…sein Lächeln begleitete mich jedoch fortan jeden Morgen auf meinem Weg durch die Luxusmeile, wo  die Schönen und die Reichen flanierten…die so selten lächelten.

nurMUT…ich wünsche Dir einen wunderbaren Tag! Petra

1 Kommentar zu Die Schönen und die Reichen

  1. Hallo Petra
    Das ist so toll geschrieben! Ich möchte Dich / Euch gerne persönlich kennenlernen.
    Nur Mut!
    Lg Rene

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