Wie weit muss Firmenloyalität wirklich gehen?

Vom Sinn und Unsinn moderner Mitarbeiter Trainings.

Wir sind alle eine grosse Familie.

Inzwischen haben die typischen Marketing Anglizismen zum Thema Firmenloyalität, wie Corporate Identity (CI) oder Corporate Design (CD), fast schon im normalen Sprachgebrauch Einzug gehalten. Und wer kennt sie nicht, die typischen Markenzeichen, Slogans, Firmenfarben und oft sogar auch einheitliche Mitarbeiterkleidung. Man denke z.B. an Fast Food Ketten, Telekommunikationsfirmen oder grosse Handelshäuser. Es geht um ein einheitliches, wiedererkennbares Erscheinungsbild eines Unternehmens oder einer Marke. Die eindeutige Identifikation. Nach aussen für Kunden und Medien, zunehmend aber auch nach innen für die Mitarbeiter.

Bei der Innenwirkung spricht man in diesem Zusammenhang auch oft von Corporate Behaviour (CB). Der für ein Unternehmen typische Verhaltenskodex, der sich auch mit den Unternehmenswerten und Markenkernen decken sollte. Die Verbundenheit zur Firma oder die Firmenloyalität.

Vielfach wird hier von vertrauensvollem Umgang miteinander, Teamwork, Unternehmens- und Kommunikationskultur nach innen und nach aussen gesprochen.

Um ihren Mitarbeitern diese Werte zu vermitteln, engagieren Unternehmen seit einigen Jahren mehr und mehr externe Dienstleister. Die entsprechende Trainings für die Unternehmen bzw. einzelne Abteilungen anbieten. Diese werden vor allem immer gerne eingesetzt nach Um- oder Restrukturierungs-Massnahmen. Beim Wechsel der Vorgesetzten oder generell für neue Mitarbeiter.

Es wimmelt auf dem Markt nur so von wohlklingenden Bezeichnungen wie:

  • Team Management Consultants
  • Team Building Profis
  • Team Coachings
  • Change Management Berater
  • Event Activities
  • Gruppendynamisches Training
  • Psychogramm Erstellungen

und Ähnlichem.

Die guten kommen ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen.

Die gute Nachricht:
Vielfach stehen hinter diesen Anbietern und Firmen seriös ausgebildete Psychologen, Trainer und praxiserfahrene Coaches.

Die weniger gute:
Oftmals tummeln sich auf diesem Gebiet aber leider auch „schwarze Schafe“.
Die im Zweifel gar nicht wissen, welche „psychologischen Schlachtfelder“ sie unwissentlich nach Ihren gruppendynamischen Trainings in Mitarbeiterteams hinterlassen können.

Wer jemals schon in den Genuss solch dilettantischer Möchtegern Trainer gekommen ist. Und dabei weinende Kollegen vor versammelter Mannschaft erlebt hat. Oder hysterische, weil sie in der  Gruppe ihrer Arbeitskollegen plötzlich tief sitzende Ängste unter Zwang äussern und überwinden sollen. Der weiss, wovon ich rede.

Selbst habe ich in verschiedenen Firmen sowohl hochprofessionelle, lehrreiche und bereichernde Trainings besuchen können. Leider aber auch einige der anderen absolvieren müssen.

Wie erkennt man professionelle oder weniger professionelle Trainings? 

Grundsätzlich sollte bei Unternehmenstrainings im Kollegenkreis auf jeden Fall darauf geachtet werden, dass bei allen Übungen und Gruppendiskussionen Themen gewählt werden, die hauptsächlich mit dem Unternehmen, dem Produkt, dem Job oder Arbeitsabläufen zu tun haben.

Bei Outdooraktivitäten ist auf die körperliche Konstitution, das Alter und die Fitness der Teilnehmer zu achten. Und auf die generelle Bereitschaft aller Teammitglieder, sich vor und mit den Arbeitskollegen sportlich zu betätigen. Hier ist vielfach weniger mehr. Höchstleistungen, Zeitdruck und Wettkampf haben die meisten von uns im Job genug. Diese Faktoren sind sicherlich nicht hilfreich wenn es darum geht, persönliche, gute Kontakte im  Kollegenumfeld zu knüpfen. Und ein besseres, vertrauensvolles Team zu werden. Kampf war noch nie ein probates Mittel für Konsens. Oder was meinst Du?

Von persönlichen Themen, Psychogrammen, riskanten Sportarten oder Beurteilungen vor versammelter Mannschaft sollte auf jeden Fall Abstand genommen werden. Der berühmte „heisse Stuhl“, bei dem eine Teammitglied im Innern des Kollegenkreises sitzt. Und dann das ungefilterte Feedback aller anderen Kollegen über sich ergehen lassen muss. Frei nach dem Motto: „Was ich Dir schon immer mal sagte wollte – jetzt in der Gruppe bin ich stark genug dafür“.

Solche psychologischen Gratwanderungen gehören meines Erachtens definitiv nicht ins Arbeitsumfeld, und schon gar nicht in den öffentlichen Kollegenkreis. Man fragt sich wirklich, wozu ein seelischer Striptease vor Arbeitskollegen gut sein soll? Ausser vielleicht für führungsschwache Chefs, die hinterher ganz gerne die aufgedeckten Schwächen Ihrer Mitarbeiter gezielt für ihre Zwecke ausnutzen.

Leider ist das heutzutage gang und gäbe. Und wer sich verweigert, kritisiert oder nachfragt, wird als Spielverderber, Spassbremse, Weichei bezeichnet. Oder bekommt im Zweifel ein Karriereproblem.

Das ist vielfach die Zwickmühle, in der Mitarbeiter stecken. „Riskiere ich meine Position, meinen Job, wenn ich nicht mitmache?“ Allerdings kann man sich auch trefflich fragen, was man riskiert, wenn man sich seelisch vor seinen Arbeitskollegen auszieht. Unter Druck. Vielfach riskiert man erst recht einen Gesichtsverlust, weil man seine Ängste und Schwächen offenbaren muss. Und somit für Vorgesetzte und Kollegen gläsern und angreifbarer wird. Und schlussendlich unglücklich im Job.

Training bis der Arzt kommt.

Ich habe mich speziell in einem Unternehmen, in dem immer wieder solche Psychospielchen von unserem Chef initiiert wurden, extrem unwohl gefühlt. Das ging soweit, dass der angebliche Profitrainer mich vor versammelter Mannschaft fragte, „ob ich denn nicht überlegen wolle, anstatt der derzeitigen Marketing Leitung lieber einen sozialen Beruf zu ergreifen“. Und das nur, weil ich mich bei einem unsäglichen Training für eine Kollegin einsetzte, die in einer Outdoor Übung einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte. Nun, in jenem Unternehmen wurde ich auch aus vielen anderen Gründe nicht sehr alt. Aber auch ich habe dort zu lange durchgehalten der Karriere und dem bequemen Status Quo zuliebe. 

Und leider war dies auch nicht das letzte Unternehmen, wo mir in solchen Trainings weinende Kollegen begegnet sind, die am Ende reif für den Arzt waren. Und meilenweit entfernt von einer vertrauensvollen Teambildung.

Im Nachhinein bin ich persönlich der festen Überzeugung, dass man nicht alles mitmachen muss, was einem unter dem Deckmäntelchen „Teamtraining“ oder Corporate Behaviour“ verkauft wird. Jeder von uns ist in gewisser Weise käuflich, sobald er einen Arbeitsvertrag unterschreibt. Aber vielfach sollte man sich ehrlich fragen, ob einem die Karriere wert ist, seine Persönlichkeit am Personaleingang abzugeben. Um in der grossen Firmenfamilie stromlinienförmig zu funktionieren und nach anderer Leute Pfeife zu tanzen.

Oder würdest Du Dir beim Einstellungsgespräch den berühmten „Papierhut auf den Kopf setzen“ und damit auf den Stuhl steigen, wenn Dein zukünftiger Vorgesetzter dies verlangt?– „Natürlich nicht“, wirst Du jetzt vielleicht denken. Warum tun es viele von uns dann, sobald sie unter Vertrag stehen?

Und wer weiss? Vielleicht sind es ja genau die Mitarbeiter, die nicht jeden Trend mitmachen. Die ihren eigenen Kopf haben. Und ihn auch benutzen. Die am Ende eine gesunde Corporate Behaviour, die Firmenkultur, vorleben. Mit Empathie, Menschenverstand und Respekt anstatt mit gruppendynamischen Modellen und Outdoor Wettkämpfen.

nurMUT…man muss nicht immer alles mitmachen. Petra

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