Weihnachten mit dem Wohnmobil in der Normandie.

Teil 1 unserer Winter Atlantikreise

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Weihnachten mit dem Wohnmobil in der Normandie? Im Winter an die Atlantikküste? Ungewöhnlich! 

Viele Wohnmobilisten zieht es in den Wintermonaten in wärmere, südliche Regionen. Um dem nord- und mitteleuropäischen Schmuddelwetter und der nassen Kälte zu entkommen.

Wer jedoch, wie wir, Natur, Ruhe und die ursprüngliche Aura einer Region zu schätzen weiss. Und gerne tagelang alleine an einsamen Stränden unterwegs ist. Oder exklusiv und unabhängig mit seinem Wohn- oder Expeditionsmobil an traumhaften Strandaussichten stehen möchte. Ohne andere Urlauber zu stören, von der Polizei verjagt zu werden oder auf vollen Camping- und Stellplätzen um die begehrten letzten Flächen zu kämpfen. Der sollte es auch einmal wagen…

Unvergessliche Stimmungen, einsame Strände, geschichtsträchtige Orte und authentisches Reisen sind ausserhalb der Hauptsaison garantiert.

Weihnachten im französischen Dickens Märchen

Am 24. Dezember kamen wir mit unserem „Koffer“ an. In dem kleinen normannischen Hafenstädtchen Honfleur. Wir hätten uns keinen charmanteren Ort aussuchen können für den Heiligen Abend. Denn mit seinen engen, Kopfstein gepflasterten Gassen, den schmalen alten Speicher- und Seemannshäusern und den pittoresken Fachwerkgebäuden vermittelte es uns ein wenig das Flair der Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens.

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Hafen von Honfleur.

Nach einem kurzen Rundgang durch die Altstadt und ihren kleinen Hafen, bereiteten wir uns ein feines Abendessen im Wohnmobil zu. Wie jedes Jahr am Heiligen Abend. Danach spazierten wir, warm eingepackt in Daunenjacken, Wollmützen und Handschuhen, mit unserem Hund, Monet durch das festlich beleuchtete alte Seemannsviertel von Honfleur. Wo in der wunderschönen, alten Kirche Sainte-Catherine, von Schiffsleuten im 15. Jahrhundert komplett aus Holz erbaut, die Christmette abgehalten wurde.

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Historischer Ortskern & Kirche von Honfleur.

Mit Hund konnten wir zwar nicht hinein, hörten jedoch auch draussen die Gesänge und das Orgelspiel. Ganz still lauschten wir den feierlichen Klängen in dieser einmalig schönen Kulisse. Und genossen nachher die Stimmung, als die Kirchenbesucher, festlich gekleidet, sich gegenseitig „Joyeux Noel“ wünschend, aus dem Kirchenschiff strömten. Ein wunderbar friedlicher, fast märchenhafter „Geist der Weihnacht“ schien uns zu begleiten. Durch die nächtlichen, schmalen Gassen auf unserem Weg in unser mobiles, gemütliches Zuhause. Wo ein warmer Tee und ein Stück Christstollen, vom Herrn Papa für uns gebacken, unseren Heiligen Abend versüsste.

Unser Morgenspaziergang mit Herrn Monet führte uns am ersten Weihnachtsfeiertag entlang der Seine, deren Mündung hier breit in den Atlantik fliesst. Von wo auch heute, am ersten Weihnachtsfeiertag, grosse, mächtige Frachtschiffe in den Überseehafen von Le Havre einliefen. Internationaler Handel kennt offensichtlich keine Feiertage.

Welcher Kontrast zur lieblichen kleinen, historischen Hafenstadt bot sich unseren Blicken hier. Die Bucht überspannende Pont de Normandie, die Honfleur und Le Havre miteinander verbindet, fiel uns sofort auf. Ein modernes Stück Architektur, und eine der längsten Brücken Europas. Dazu eine Skyline grosser Hafenkräne, die den grossen Überseehafen von Le Havre charakterisieren. Bei feucht-nebligem Wetter, wie heute, eine ganz eigene Atmosphäre. Industrie, Handel und Moderne hatten uns am gegenüberliegenden Ufer wieder eingeholt.

Der Film „Le Havre“ von Aki Kaurismäki fiel uns spontan ein. Denn er trifft die melancholische, jedoch hoffnungsvolle Stimmung auf dem Punkt, die auch uns hier ereilte. Den Kontrast zwischen kühler Moderne und warmer Menschlichkeit. Aus meiner Sicht ein Film Märchen, aktueller denn je, und sehr empfehlenswert als Einstimmung auf die Normandie.

Exklusive Sandstrände für uns ganz alleine.

Unser nächstes Ziel, vorbei am mondänen Badeort Deauville, war der kleine Küstenort Lion-sur-Mer. Wo wir am Ende einer Stichstrasse zum Strand zufällig einen Parkplatz fanden, auf dem wir unbehelligt stehen konnten. Mit Atlantiksicht und direktem Zugang zum kilometerlangen Sandstrand mit seinen wunderschönen Ferienvillen aus dem 19. Jahrhundert.

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Lion-sur-Mer.

Waren wir vom berühmten Deauville im Vorbeifahren enttäuscht gewesen. So erfüllten sich hier alle unsere Vorstellungen alter Seebäder und exklusiver Strandabschnitte jenseits des Massentourismus. Im Dezember war natürlich auch hier nicht sehr viel los. Viele Villen unbewohnt und verschlossen. Aber genau das schätzten wir. Einsame Strandpromenaden, stundenlange Spaziergänge am winterlich tosenden Atlantik mit Blick auf wunderschöne alte Familienanwesen. Familiengeschichten formierten sich in unseren Köpfen, während wir hier staunend entlang wanderten. Im typischen, frischen Atlantikwind, der hier unablässig bläst und die Wangen rosig färbt. Nur ab und zu begegneten uns einige andere unerschrockene Strandspaziergänger oder Jogger, die offensichtlich über die Feiertage eines der Prachtstücke hier am Strand bewohnten. „Bon Jour“, jeder grüsste hier jeden. Und auch hier spürten wir die angenehme Ruhe, Gelassenheit und den wahren Geist von Weihnachten. Fernab des Feiertagstrubels, familiärer Braten-Katastrophen und Geschenkschlachten.

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Die Geschichte Europas – gegen das Vergessen.

Hier an der Côte de Nacre fanden wir auch schon die ersten Hinweise auf das, was im Küstenverlauf Richtung Westen immer augenscheinlicher wurde. Und für die Region prägend . Gedenktafeln und Informationen zur Landung der Alliierten am 06.Juni 1944. An diesem Küstenstreifen der Normandie, der die entscheidende Wende zur Befreiung Europas vom Naziregime brachte. Der berühmte D-Day.

Im dramatischen Dezemberlicht, das sich alle paar Minuten änderte: von strahlender Sonne zu tiefdunkelgrauer Bewölkung mit drohenden Wolkentürmen, wirkte die historische Kulisse hier besonders eindrucksvoll. Und die Ruhe der Nebensaison liess uns die nötige Zeit, über die Geschehnisse nachzudenken. Erst hier am Ort des Geschehens konnten wir die Dimensionen dieser Menschheitstragödie ein Stück weit ermessen.

Da die Normandie nun einmal nicht zu trennen ist von diesem düsteren Kapitel der Geschichte. Und eine entscheidende Rolle gespielt hatte, wollten auch wir uns als Reisende in dieser Region mit dem Thema vor Ort auseinander setzen. Deshalb erklärten wir das Memorial de Caen als nächstes Ziel. Ein Museum, das die europäische Geschichte vom ersten Weltkrieg bis zum Mauerfall sehr ausführlich und drastisch darstellt.

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Caen Memorial

Kein Ort für zartbesaitete Seelen. Denn hier wird der Wahnsinn des Krieges schonungslos und sehr emotional ausgestellt. Filme, Tonaufnahmen, Fotos, unzählige Fundstücke: von durchweichten Spielkarten der Soldaten in den Schützengräben. Über persönliche, handgeschriebene Liebesbriefe, Waffen, Uniformen, Zeitdokumente, Reden der regierenden Diktatoren. Bis zu persönlich erzählten Kriegsschicksalen. Und natürlich Film- und Fotodokumente zur Landung der Alliierten. Hier an der rauhen Atlantikküste der Normandie.

Der Museumsbesucher taucht ein in die desperate Welt des damaligen Europas. Und nimmt  diese Eindrücke hoffentlich nachhaltig mit, um daraus zu lernen und mitzuhelfen, dass so etwas nicht mehr passieren kann. Wir jedenfalls verliessen das Museum schweigend. Unseren Gedanken nachhängend. Und mussten das Gesehene erst einmal verarbeiten. Wir waren froh, dass wir auch diesen Besuch ausserhalb der turbulenten Feriensaison in der ruhigen, besinnlichen Zeit Ende Dezember gemacht hatten. Buntes Urlaubstreiben wäre unseres Erachtens dem Gedenken an diese Zeit und an die vielen betroffenen Menschenschicksale nicht würdig.

Kaum zurück in unserem Wohnmobil. In dem wir für heute hier auf dem Parkplatz des Memorials zu bleiben beschlossen hatten, fegte ein heftiges Wintergewitter mit grollendem Donner, Blitz und Hagel über uns hinweg. „Weltuntergang!“  Das passende Wetter zum Thema des Museums. Ein Buchtitel von Ken Follet kam mir in den Sinn: „Winter der Welt“, in dem auch er das düsterste Kapitel der jüngsten europäischen Geschichte verarbeitet hat. Eine passende Metapher.

D-Day und die Landungsbrücken von Arromanches-les Bains

Wenn man sich für die Befreiung durch die Alliierten interessiert, ist der kleine Küstenort Arromanches-les-Bains ein Muss. Hier zeugen die vor sich hin rostenden Pontons und Brückenteile eines der beiden damals künstlich angelegten Häfen von der enormen Leistung und aufwändigen Logistik. Um Frankreich und dann den Rest Europas aus der Schreckensherrschaft zu befreien.

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Arromanches-les-Bains Strand.

Die Vorstellung, wieviele Soldaten hier durch das eiskalte Atlantikwasser unter heftigem Beschuss von Land waten mussten. Um dann an Land weiter zu kämpfen, oder ihr Leben bereits hier schon zu verlieren, liessen uns auch siebzig Jahre danach noch erschaudern. Fassungslosigkeit über das, was Menschen anderen Menschen antun konnten. Und Hochachtung vor dem, was Menschen in Extremsituationen zu leisten fähig waren, mischten sich in unseren Gefühlen. Traurigkeit über den Wahnsinn des Krieges und Faszination für das Unternehmen D-Day. Das schliesslich wenigstens erfolgreich zum Ende des zweiten Weltkrieges beigetragen hatte.
Und immer wieder die Gedanken: „So etwas darf nie mehr geschehen. Wehret den Anfängen von Hassparolen, Ausgrenzung, plumper Propaganda und übertriebenem Nationalismus.“ Wie sehr das notwendig und aktueller denn je ist, zeigen die jüngsten politischen Entwicklungen in USA. Und die ausgrenzenden Tendenzen in Europa. Nicht der, der am Lautesten brüllt, sollte die Richtung vorgeben, sondern die Besonnenen mit den sachlichen Argumenten, Respekt und Anstand. Wohin die sogenannten unberechenbaren „starken Führer“ die Welt bisher geführt haben, sieht man wohl kaum an einem Ort eindrücklicher  als hier in der Normandie.

Als ob Petrus versöhnlich sagen wollte: „Am Ende wird alles wieder gut“. Liess er an diesem Tag im Dezember eine strahlende Sonne ihren goldenen Schimmer über den Sandstrand mit seinen meterhohen Mahnmalen fliessen. Und die Szenerie in ein unwirkliches, magisches Licht tauchen. Das jedoch nicht darüber hinwegtäuschen durfte, dass es hier am Atlantik im Dezember ziemlich kalt war. Wollmütze, Handschuhe und warme, dicke Kleidung waren Pflicht.

Nach unserem Strandbesuch und dem 360° Kino, wo man sich inmitten des Krieges und der Befreiung wiederfand, steuerten wir den örtlichen Stellplatz von Arromanches-les-Bains an. Hier hielt der Tag für uns eine weitere Überraschung parat. Unseren persönlichen D-Day.

Denn als wir unsere Aussentreppe herunterlassen wollten. Um nach stundenlangem Aufenthalt im Freien endlich die 1.40 m hoch zur Tür und ins warme Wohnmobil zu gelangen. Gab es einen kurzen Knall, und das Stahlseil der elektrisch betriebenen Seilwinde war zerfetzt. Damit konnte auch die Treppe nicht mehr bedient werden. Wir hatten zwar in weiser Voraussicht ein Ersatzseil an Bord gehabt. Dieses zerriss jedoch ebenfalls sofort, kaum dass Robert es nach mühevoller Reparatur ausgetauscht hatte. Kein weiteres Ersatzseil an Bord. Die teils mechanische, teils elektrisch betriebene Treppe hing zur Hälfte auf der rechten Seite unseres Mobils. Die starken Druckfedern, die von innen mit jeweils 80 Kilogramm nach aussen drückten, konnten unmöglich von Hand zurückgedrängt werden. Mit der seitlich abstehenden Treppe hätten wir aber auch nicht mehr weiterfahren können.

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Arromanches-les-Bains, Treppen Reparatur.

Zwei Stunden und etliche verbrauchte Kalorien und Schweissperlen später hatten wir die Treppe mittels Spanngurten wenigstens so weit in ihrem Gehäuse festgezurrt, dass wir am nächsten Tag ein paar Kilometer zum nächsten Baumarkt fahren konnten, um dort neue Ersatzseile zu besorgen. Den ausführlichen Bericht zu unserer Pannentreppe, und wie wir das Problem endgültig gelöst haben, findest Du in einem separaten Artikel unter: „Eine Wohnmobil Treppe, die nicht ausfährt, ist nichts wert.“

Hier und jetzt auf dem Stellplatz von Arromanches-les-Bains kletterten wir schliesslich auf unserer mitgeführten, angelehnten Notleiter die 1.40 m hoch zur Tür unseres Wohnaufbaus. In den warmen Bauch unseres Koffers.

Reparatur anstatt Kultur 

In der nächsten grossen Stadt, Bayeux, suchten und fanden wir am nächsten Morgen einen grossen Baumarkt. In dem wir uns mit Ersatz Stahlseilen für unsere Treppe versorgten. Eigentlich ist diese Stadt eher bekannt für ihren 70 m langen bestickten Teppich aus dem 11. Jahrhundert. Auf dem die Eroberung Englands durch Wilhelm, den Eroberer und Normannenherzog dargestellt ist.
Uns stand der Sinn jedoch heute nicht nach Kultur, sondern nach schnellstmöglicher Reparatur.

Wir suchten uns also einen ruhigen Parkplatz, den wir in der Peripherie von Bayeux fanden. Gegenüber eines britischen Soldatenfriedhofs. Auf diesem Parkplatz reparierten wir zum zweiten Mal auf unserer Atlantikriese die Wohnmobil Treppe. Dieses Mal hielt das Seil, wir konnten die Treppe wieder komplett einfahren. Und beschlossen vorerst, sie nicht mehr zu benutzen, sondern über unsere Notleiter oder die Fahrerkabine in das Innere unseres Koffers zu gelangen. Zu gross war unsere Befürchtung, beim nächsten Betätigen des Schalters könnte das Seil erneut mit einem lauten Knall zerreissen.

„Lass uns den Friedhof besuchen“, schlug ich Robert vor. Denn seit der Kindheit habe ich eine besondere Vorliebe für Friedhöfe. Diese ruhigen Gärten der Andacht und des Gedenkens. Vermutlich, weil ich schon als kleines Kind regelmässig mit meiner Grossmutter auf Friedhöfe gegangen war. Und durch meine Grosseltern auch sehr früh mit dem Thema Verlust und Tod konfrontiert worden war. Denn meine Grossmutter war als Soldatenwitwe und Mutter genauso Opfer des zweiten Weltkrieges gewesen, wie es meine Grosseltern als Flüchtlinge und Heimatvertriebene gewesen waren. Was einen erheblichen Einfluss auf meine ganze Familie hatte. Bis heute. Ein Grund mehr, mich für dieses schwarze Kapitel der europäischen Geschichte zu interessieren.

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Britischer Soldatenfriedhof in Bayeux.

Wir besuchten also den britischen Soldatenfriedhof von Bayeux, einen riesigen Park mit altem Baumbestand und fast 4’000 Soldatengräbern. Auf einigen Gräbern blühten Ende Dezember noch rote Rosen. Die Sonne schien von einem teils dramatisch bewölkten Himmel. Trotz der Traurigkeit, die einem unweigerlich erfasst an solch einem Ort, strahlte diese letzte Ruhestätte Würde aus. Und eine ihr eigene Schönheit. Das Letzte und Einzige, was man für die vielen, teils sehr jungen Menschen, noch hatte tun können.
Auch für die deutschen gefallenen Soldaten hatte man u.a. in La Cambe eine letzte Ruhestätte errichtet für über 21’000 Soldaten in einem ebenfalls riesigen, parkähnlichen Areal.

Aber selbst in den schlimmsten Kriegswirren hatte es wohl auch immer wieder einzelne Menschen gegeben, die Glück im Unglück hatten.

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St.-Mére-Eglise.

Wie z.B. der U.S. Fallschirmjäger John Steele. Der am D-Day mit seinem Fallschirm am Kirchturm im Ort Sainte-Mère-Eglise hängen geblieben war. Den Beschuss deutscher Soldaten überlebt hatte und schliesslich aus deutscher Gefangenschaft hatte fliehen können. An diese Ereignisse, hier am D-Day, erinnert eine Fallschirmjäger Puppe und ein buntes Kirchenfenster im Giebelhaus von Sainte-Mère-Eglise mit der Mutter Gottes und drei Fallschirmspringern.

Die Jakobsmuschel Fischer von Port-en-Bessin – mittendrin statt nur dabei.

Nach soviel Vergangenheitsbewältigung, europäischer Geschichte und Melancholie war uns am nächsten Tag wieder nach fröhlicheren Themen zumute. Wir suchten uns einen typischen kleinen Fischerhafen. Wo wir mit viel Glück, jetzt ausserhalb der Urlaubssaison, eine Pole Position für unser Mobil fanden. In Port-en-Bessin, standen wir direkt an der Hafeneinfahrt, von wo wir die Fischer mit ihren kleinen und grossen Booten auf den Atlantik hinausfahren sahen.

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Port-en-Bessin, Parkplatz am Fischerhafen.

Hauptsächlich zwischen Oktober und Mai werden hier neben anderen Atlantikfischen vor allem die feinen Jakobsmuscheln gefischt. Jedes Jahr um das zweite November Wochenende herum wird in Port-en-Bessin das Jakobsmuschelfest gefeiert.

Dass hier ein Grossteil der begehrten Meeresfrüchte aus dem Meer geholt werden, sahen wir an einem Strandabschnitt neben dem Hafen, auf dem Tausende der schön geformten Muschelschalen aufgehäuft waren.

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Port-en-Bessin, Jakobsmuschel Friedhof am Strand.

Hier suchten wir uns einige besonders schöne Exemplare heraus. Als Servierschalen für das feine Muschelfleisch oder für den Fall, dass wir irgendwann einmal den Jakobsweg pilgern wollen.

In der örtlichen, kleinen Fischereihalle kauften wir uns ein paar der zarten Muscheln. Die wir abends im Wohnmobil mit frischem Knoblauch und Petersilie in Butter anbrieten. Und mit Baguette und einem kühlen Weisswein genossen. So feine, frische Jakobsmuscheln hatten wir bisher noch nie gegessen.

Wie in vielen französischen Hafenorten, fanden wir auch hier in Port-en-Bessin einen öffentlichen Waschsalon. Wo wir unseren wöchentlichen Waschtag am nächsten Morgen erledigen konnten. Während der Rest der kleinen Örtchens mit kitschiger Weihnachtsmusik beschallt wurde. Inzwischen waren wir bereits so entspannt, dass wir diese „Katzenmusik“ jedoch eher amüsant als nervig empfanden.

Zu unserem Stellplatz an der Hafenein- und ausfahrt ist noch Folgendes zu bemerken: die Aussicht war zwar sensationell. Man muss jedoch sehr früh morgens, je nach Gezeitenplan, mit der Rückkehr der Fischerboote rechnen. Bei uns war es circa 3:00 Uhr morgens, als wir vom Rufen der Fischer und dem Klappern der vielen leeren Jakobsmuschelschalen auf dem Strand kurz aufgeweckt worden waren. Das war der einzige Preis für diese sensationelle Aussicht. Aber kein zu hoher, wie wir fanden.

Ein Leuchtturm nur für uns – am letzten Tag des Jahres.

Verwöhnt vom letzten schönen Parkplatz, direkt am Fischerhafen, suchten wir entlang der Küste unser nächstes Highlight. Ein ruhiger Platz sollte es sein. Fern der Zivilisation. Denn das Jahresende stand vor der Tür. Herr Monet ist erfahrungsgemäss kein Freund der Silvesterknallerei. So dass wir um den 31. Dezember herum immer ruhige, menschenleere Orte ohne Party und Feuerwerk bevorzugen. Was unserem persönlichen Verständnis von Silvester ebenfalls sehr entgegen kommt.

Auf der Landzunge von „Le Ponte de Saire“ wurden wir schliesslich fündig. Ein einsamer Parkplatz mit Blick auf die Bucht. Direkt neben dem grünen Leuchtturm samt Häuschen. Und einer kleinen Piraten Strandbar aus Holz. Jetzt, im Winter leider (oder glücklicherweise?) geschlossen.

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Le Pointe de Saire, Pole Position am Leuchtturm.

Ein Seelenplätzchen. Bei strahlendem Sonnenschein und +6°C wanderten wir hinter dem Leuchtturm den endlos scheinenden Sandstrand entlang und begegneten nur einem einzigen Menschen. Einem jungen Mann, der Sandskulpturen in den feuchten Sand zauberte. Auf dem Rückweg taten wir es ihm gleich. Während die Sonne glutrot am Horizont unterging und den Atlantik in flüssiges Gold verwandelte.

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Le Pointe de Saire, Sandskulpturen am Strand.

Eine gute Wahl. Denn am Abend und in der Nacht waren wir alleine hier. Stockdunkle Nacht umgab uns. Nur die zahlreichen Sterne am klaren Himmel leuchteten auf uns herab. Ganz fern vom anderen Ufer erkannten wir kleine Lichter der Zivilisation, die uns ansonsten jedoch nicht tangierte. Keine Knallerei und keine Party an diesem idyllischen Ort. Das neue Jahr begann friedlich, leise und entspannt.

Bei unserem langen Morgenspaziergang am ersten Tag des neuen Jahres trafen wir lediglich zwei Reiter. Sie begrüssten das neue Jahr hoch zu Ross im seichten Atlantikwasser am Strand entlang. Ansonsten genossen wir das Atlantik Feeling ganz alleine.

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Le Pointe de Saire, Reiter am Neujahrstag.

Auf dem Rückweg durch den kleinen Ort Jonville fiel uns erst so richtig auf, dass die Normandie neben der Fischerei auch ein riesengrosses Agrargebiet ist. Neben den berühmten Rohmilch Camemberts und Milchprodukten wird hier auch viel Gemüse angebaut. Wir streiften vorbei an grossen Möhren- und Kohlfeldern. Die um diese Zeit grösstenteils schon abgeerntet waren. Unweigerlich fiel mir der französische Komiker Louis de Funes ein mit seinem Film „Louis und seine ausserirdischen Kohlköpfe“. Ob dieser Film wohl hier in der Normandie gedreht worden war?
„Schau mal, in dem abgeernteten Feld liegt noch ein einsamer weisser Blumenkohl“. – „Dann hol ihn doch, bevor er verfault“, entgegnete Robert. „Darf man das denn?“ Wir waren uns einig, dass auf einem derart offensichtlich abgegrasten Feld ein einzelner Kohlkopf sicherlich nicht mehr vom Bauern geholt würde. Und nahmen uns des Einzelgängers an. Der uns in den nächsten Tagen, zusammen mit ein paar verstreuten Möhren und einem vereinsamten Weisskohl, ein köstliches Mahl bot.

Granville – Der Glanz vergangener Tage

Nach zwei Tagen einsamen Inselgefühls am Leuchtturm Strand zog es uns weiter. Der Küste entlang in die Stadt Granville. Die ehemalige Fischer- und Seeräuberstadt teilt sich auf in eine historische Oberstadt: den alten Teil mit massiver Stadtmauer, strenger Architektur und mittelalterlichem Charme.
Und die Unterstadt mit Geschäften, neueren Gebäuden und den Häfen. Bei unseren Stadtrundgängen entdeckten wir hier viele interessante Details und schöne Fotomotive. Wir atmeten den leicht morbiden Charme dieser Festungsstadt mit jedem Schritt ein, der uns durch die menschenleeren, Kopfstein gepflasterten Gassen führte.

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Granville, Altstadt Geländerdetail.

Gäbe es nicht ab und zu ein kleines Geschäft oder ein Hinweisschild. Man wähnte sich hier auf einer Zeitreise ins achtzehnte Jahrhundert. Die perfekte Filmkulisse für historische Filme. Und eine kleine Einstimmung auf das Highlight und den Abschluss unseres Reiseabschnitts durch die Normandie: den Mont Saint Michel, der am nächsten Tag auf uns wartete.

Der heilige Berg: Le Mont-Saint-Michel

Schon von Ferne erkannten wir die Felseninsel, den Mont-Saint-Michel sehr gut. Flankiert von  grünen Wiesen mit grasenden Schafen, näherten wir uns diesem einmaligen UNESCO Weltkulturerbe.
Und mussten uns erst einmal im Labyrinth der verschiedenen, riesengrossen Parkflächen zurecht finden. Es gab hier einen ausgewiesenen Parkplatz für Wohnmobile, wo man über Nacht parken durfte. Wir investierten gerne die zwanzig Euro für ein vierundzwanzig Stunden Ticket. Und hatten dafür direkte Aussicht auf den heiligen Berg. Der abends und nachts wunderschön beleuchtet wurde.

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Le Mont-Saint-Michel, Normandie

Der Fussmarsch dorthin war allerdings mit über 2 Kilometern nicht gerade kurz. Er führt über einen zugigen Damm und erfordert im Winter warme Kleidung, inklusive Kopfbedeckung. Ohne Hund hätten wir auch einen Shuttle Service in Anspruch nehmen können. Mit Hund ist man jedoch sowieso gut trainiert. So dass wir den Spaziergang über den Damm durch das Watt sehr genossen. An diesem sonnigen Tag mit blauem Himmel und klarer Sicht 

Bei Flut liegt der Mont-Saint-Michel komplett im Wasser des Atlantik. Bei Ebbe kann man durch das Watt zu Fuss um den Felsenberg herum wandern. Angeblich gibt es hier den höchsten Gezeiten Unterschied der europäischen Atlantikküste. Mit einem Tidenhub von bis zu 15 Metern bei speziellen Sonne-Mondkonstellationen, wie z.B. bei der letzen Sonnenfinsternis im März 2015.

Der mittelalterlich anmutende Klosterberg, mit seiner zentralen Abteikirche, inmitten des Atlantiks, wird zu Recht La Merveille – „das Wunder“ genannt. Tritt man durch das Haupteingangstor, findet man sich in engen, mittelalterlichen Gassen wieder. Läuft auf jahrhundertelang rund geschliffenem Kopfsteinpflaster hinauf zu sensationellen Aussichten auf die umliegenden, historischen Gebäude und die atlantischen Gezeiten.

 

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Le Mont-St.-Michel, Blick vom heiligen Berg auf das Watt bei Ebbe.

Da stören einem auch die vielen Souvenirläden und Imbissstände nur bedingt. Selektive Wahrnehmung ist hier gefragt. Dann findet man ihn noch, den Zauber vergangener Tage, als hier der Bischof von Avranches residierte oder die Benediktinermönche den Klosterberg bewohnten und bewirtschafteten. Über alles wacht kämpferisch und golden, in der Sonne funkelnd, der Erzengel Michael von der Turmspitze der Abtei. Dem höchsten Punkt des Bauwerks. Erzengel Michael, der dem Bischof von Avranches laut Überlieferung dreimal erschienen war im Jahr 708 n.Chr. und ihn geheissen hatte, auf diesem Felsen ein Heiligtum zu errichten.

Allen, die sich gerne intensiver mit der Geschichte des Mont-Saint-Michel beschäftigen möchten. Können wir den spannenden, historischen Roman „Der Fluch des Mont-Saint-Michel“ von Frédéric Lenoir und Violette Cabesos empfehlen. Wir hatten ihn beide vor der Reise verschlungen und waren danach umso gespannter auf den heiligen Berg mit seiner mystischen Stimmung und wechselvollen Historie.

Wir konnten sie vor Ort noch spüren, die besondere Aura dieses bebauten Felsens. Obwohl wir auch im Winter leider nicht alleine hier sein konnten. Besucher aus aller Welt umgaben uns, wenn auch nicht annähernd so viele wie in der Hochsaison. Man sollte sich die Zeit nehmen, in Ruhe abseits der breiten Besucherströme in kleinere Gassen und Innenhöfe einzutauchen und innezuhalten. Dann kann man die einzigartige Stimmung und unvergessliche Bilder von diesem sehr besonderen Ort an der Grenze der Normandie zur Bretagne einfangen. Und nachhaltig bewahren.

Bevor wir unsere lange Winter Auszeit fortsetzten in Richtung Bretagne,
hier unser kurzes Fazit zur Reise mit dem Wohnmobil in der Normandie:

Eine vielseitige, sehr geschichtsträchtige Region. Mit herrlich unberührten Landschaften und ausserordentlichen Stimmungen, die wir im Winter sehr exklusiv geniessen konnten. Der perfekte Ort für eine ruhige Auszeit und historische Reflexion. Für alle Wohnmobil Reisenden, die gut gerüstet sind für das etwas rauhere Klima. Selbstversorger und mit ihrem Wohnmobil in gewisser Weise autark sind. Für alle, die gerne einmal abseits der eingefahrenen Routen auf anderen Wegen unterwegs sind. Die lange Sandstrände für sich ganz alleine schätzen. Und zwar nicht nur zum (Sonnen-)Baden.

Unsere persönlichen Lieblingsplätze in der Normandie:

Honfleur – das liebliche Hafenstädtchen an der Seine Mündung.

Côte de Nacre – charmante Strandvillen entlang endloser Atlantikstrände.

Memorial de Caen – Museum zur jüngsten europäischen Geschichte.

Port-en-Bessin – das kleine Paradies für Jakobsmuschel Liebhaber.

Mont Saint Michel – eine mittelalterliche Zeitreise inmitten des Atlantik.

nurMut…das rauhe Atlantikwetter wird total überbewertet, was die vielen sonnigen Fotos beweisen. Reisen in die Normandie im Winter wird mit ganz besonderen Lichtstimmungen belohnt – ein Traum für jeden Fotografen. Mit exklusiven Erlebnissen und interessanten Ein- und Aussichten.

Wo das Herz jedes  Reisenden und Fotografen in der Bretagne höher schlägt, wird im nächsten Reisebericht verraten:
Winter in der Bretagne oder „meine Fische stinken nicht!“
Mehr stimmungsvolle Bilder zu unsere 3-monatigen Atlantikreise, musikalisch in Szene gesetzt findest Du hier:

4 Kommentare zu Weihnachten mit dem Wohnmobil in der Normandie.

  1. Manfred Müller // 03/06/2017 um 11:52 // Antworten

    Hallo, ein sehr schöner Bericht, wir sind die gleiche Strecke im August 2016 gefahren.
    Wir waren erstaunt wie relax das ganze war, es war nicht ganz so voll auf den stellplätzen
    und das Wetter war super schön. Einer der schönsten Plätze war Arromanches, wegen dem Meerblick von oben.
    Zu den Kriegsschauplätzen muss man aber auch sagen dass heute eine ganze Region davon profitiert.
    Es kommen halt viele Touristen und bringen Geld mit.
    Viele schöne Reisen wünschen wir euch noch.
    Liebe grüße Regina

  2. Tolle Tour , die Normandie habe ich persönlich auch auf meiner To-do-Liste. Habt ihr mit eurem großen Wohnmobil die Plätze einfach spontan angefahren ? Oder vorab recherchiert? Gruß Trixi

    • Liebe Trixi, unbedingt empfehlenswert! Wir reisen meist relativ spontan, hatten jedoch Reiseführer und einen WoMo Führer dabei für Normandie & Bretagne (als Backup Lösung oder zur Inspiration). Da wir Allrad mit grosser Bodenfreiheit unterwegs sind, fahren wir ausserhalb der Saison schon auch mal gerne ein bisschen an abgelegene Plätze (Strand, Schotterwege etc.) Durchaus aber auch ab und zu auf schöne Stell- und Campingplätze. Grad wie’s kommt und wohin uns das Leben treibt. Vorher festgelegt wird meist nur die Region und die Zeit. Liebe Grüsse Petra

  3. Die Ausführlich beschriebene Weihnachtswinterreise durch die Normandie, kann vielleicht nur durch selbst Erleben noch getoppt werden.
    Vielen Dank
    Schmitthans

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