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Dem Winter entfliehen – mit Hund und Reisemobil nach Marokko

Von der Ostschweiz an die marokkanische Atlantiküste

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Wir sind dann mal weg – mit Hund und Reisemobil nach Marokko

»Mit dem tollen Reisemobil seid Ihr bestimmt schon durch die Wüste gefahren?«

oder

»Wow, damit fahrt Ihr bestimmt immer nach Afrika!«

Diese und ähnliche Reaktionen bekommen wir oft, wenn wir mit unserem Reisemobil irgendwo in Europa stehen und von anderen Reisenden oder Passanten angesprochen werden. Und jedes Mal sehen wir dann förmlich die glänzenden Augen derjenigen, die sich augenblicklich unsere Afrika-Abenteuer in den schillerndsten Farben vorstellen. Das ging uns als Kind und selbst als Erwachsene nicht anders. Wenn wir früher irgendwo eines der seltenen Expeditionsmobile gesehen haben mit Sandblechen und grossem Ersatzrad an der Karosserie sowie Ersatzkanistern auf dem Fahrzeugdach, lief auch bei uns unweigerlich im Kopf ein Film ab von Sanddünen, Wüsten, Kamelen, Oasen und Abenteuern.

Nachdem wir in den letzten sieben Jahren mit unserem autarken, geländegängigen Expeditionsmobil, meist im Winter, ausschliesslich Europa erkundet haben, war der Sprung auf einen anderen Kontinent auch für uns längst überfällig. Afrika mit dem eigenen Reisemobil- seit Kindheitstagen ein grosser Traum! 1’001 Nacht – eine unbestimmte Sehnsucht. Und die Wüste – das Ziel eines jeden, vor allem männlichen, 4×4 Fahrers.
Und schliesslich wollten wir auf die immer gleichen Fragen auch endlich mit einem weise lächelnden »Ja!« , antworten können…

Der Weg ist das Ziel – vom mitteleuropäischen Winter in Etappen nach Nordafrika

Nachdem wir das Jahr zuvor bereits sehnsüchtig von der südspanischen Küste Tarifas über die Strasse von Gibraltar auf die Hügelketten Marokkos geblickt hatten, starteten wir im letzten Winter endlich unser eigenes Marokko Abenteuer. Mit Hund Monet und unserem Reisemobil, liebevoll Koffer genannt, entflohen wir Mitte Dezember den weissen Schneemassen, die unsere Appenzeller Heimat fest im Griff hatten.

Dem Schnee zu entfliehen war zunächst gar nicht so einfach, denn er holte uns an unserer ersten Übernachtungsstation irgendwo im französischen Jura prompt wieder ein. Sehr zur Freude unseres Vierbeiners, der sowieso höchst ungern die weisse Pracht verlassen hatte für das zweifelhafte Versprechen, in der Wüste Ersatz für seine Lieblingssubstanz zu finden.

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Der Weg vom Appenzellerland in den sonnigen Süden ist weit. Vor allem im Dezember. Egal. Wir hatten drei bis vier Monate Zeit für unsere erste Marokkoreise eingeplant, und entsprechend entspannt wollten wir das Abenteuer angehen. Wenn man mit dem Wohnmobil reist, ist ja schliesslich der Weg das Ziel. Und man wechselt schliesslich täglich nur den »Vorgarten«, während man es gemütlich und kuschelig warm hat in seinen mobilen »eigenen vier Wänden«.

Dennoch, der Kälte und dem Schnee wollten wir nach über einem kalten Monat in der Heimat möglichst schnell entkommen, so dass wir schnellstmöglich das südliche Frankreich anpeilten, wo es der Wettergott in der wunderschönen Camargue bereits wesentlich besser mit uns meinte. Im  mittelalterlichen Salinen Städtchen Aigues Mortes fanden wir bei Sonnenschein und milderen Temperaturen einen aussichtsreichen Stellplatz an der alten Stadtmauer mit Blick auf die mittelalterliche Befestigungsanlage und die Salinen. 

Am nächsten Tag zogen wir weiter in Richtung Spanien, wo wir auf der Finca Caravana bei Franze Marschall den nächsten Zwischenstopp einlegten. Auf unserem »nurMut-Stammplatz« irgendwo im Nirgendwo der spanischen La Mancha wartete Scrat, das Säbelzahneichhörnchen, bereits auf uns, während Fernando, der heimliche, vierbeinige Platzchef sich ganz besonders über Herrn Monet freute.

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Wie bereits im letzten Jahr trafen wir bei Franze einige Afrika Reisende, mit denen wir uns abends am Lagerfeuer austauschen konnten und noch den einen oder anderen Tipp für Marokko erhielten.

Nach der trockenen, kargen La Mancha führte unser Weg ans andalusische Mittelmeer, wo wir in Cabo de Gata, einem unserer Lieblingsplätze in Südspanien, sehr ruhige Weihnachtsfeiertage verbrachten mit langen Strand- und Hügelspaziergängen und phantastischen Aussichten.

Nachdem wir bereits im Vorjahr Südspanien als Überwinter-Destination eingehend getestet hatten, hielt und dieses Mal nicht allzu viel an der spanischen Mittelmeerküste, so dass wir relativ zügig nach Tarifa fuhren, wo wir vor einem Jahr sehnsüchtig nach Afrika geschaut und mit uns gehadert hatten, ob wir den Sprung wagen sollten. 

Wieder an den genialen Strand Stellplatz, die sogenannte »Landebahn«, in Tarifa zu fahren, war ein bisschen wie nach Hause kommen. Hier fühlten wir uns bereits vor einem Jahr sehr wohl in der kunterbunt gemischten Gesellschaft unterschiedlichster Reisemobile mit ihren ebenso vielfältigen Besitzern und deren Fellnasen.
Das Motto »Leben und leben lassen« fasst die entspannte Atmosphäre in der Surfer- und Hippiestadt Tarifa für uns am besten zusammen.

Tarifa – entspanntes Hippie-Paradies und Tor nach Afrika

Mit flatternden Ohren, frei und völlig begeistert springt Monet aus dem Koffer und direkt an den endlosen Sandstrand. Als ob auch er Tarifa gleich wieder erkennt und sich hier sofort zuhause fühlt. Wir schlendern ihm gut gelaunt hinterher und staunen einmal mehr über die unerschrockenen Kite-Surf-Künstler, die sich in ihren Neopren Anzügen mutig in die kalten, wilden Wellen stürzen vor der Kulisse nordafrikanischer Hügelketten am Horizont.

So sehr sich die Surfer über das dramatische Wetter mit hohen Wellen und starkem Wind hier freuen, so wenig erfreut es unser Herz, weil wir wetterbedingt mit der Fährüberfahrt ein paar Tage warten müssen und in Tarifa quasi festsitzen. Es gibt schlimmere Orte für eine Zwangspause, aber einmal mehr liegt das Ziel »Marokko« zum Greifen nah und doch so fern.

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Wir haben uns für die Überfahrt mit der Schnellfähre von Tarifa aus entschieden, weil wir mit unserem Hund Monet möglichst die kürzeste Fahrstrecke wählen wollten. Ausserdem sind uns persönlich der überschaubare Hafen und die kleineren Fähren in Tarifa sympathischer als der grosse Hafen in Algeciras. Zumal wir nun ein paar Tage warten müssen, was aus unserer Sicht hier im beschaulichen Tarifa wesentlich charmanter ist als im Moloch Algeciras.

Von unserer lieben Reisefreundin und Marokkokennerin, Heidi, hatten wir bereits letztes Jahr den sehr guten Tipp bekommen, das Fährticket bei Klaus Holthausen von Marokko Campingtours in Tarifa zu kaufen.
Klaus, ebenfalls ein erfahrener Marokkoreisender, der selbst auch Reisen dorthin organisiert, lebt im Winter in Tarifa in seinem Reisemobil am Strand an der »Landebahn« in der Nähe des Hotels »Dos Mares«. Er besorgt Marokkoreisenden sehr unkompliziert, zuverlässig und zu sehr fairen Preisen die Fährtickets für die Schnellfähre nach Marokko. Und den einen oder anderen Tipp gibt es bei einem gemütlichen Plausch mit ihm gratis dazu. Wirklich sehr zu empfehlen.

Nach unseren drei stürmischen Tarifa Tagen gibt die Hafenbehörde endlich grünes Licht, so dass wir doch noch vor dem Jahreswechsel den Kontinent wechseln können.

Unsere erste Reise mit dem Expeditionsmobil in ein islamisches Land. Ein bisschen aufgeregt sind wir schon, denn wir werden ja in eine komplett andere Kultur eintauchen, von der wir bisher schon viel gehört haben, uns aber gern selbst ein Bild machen möchten.

Bereits das Einparken auf der Fähre wird für unseren Chauffeur zur Nervenprobe, denn das Einweiser Team aus Spaniern und Marokkanern hat ein riesiges Repertoire an Gesten, die sie wenig synchron, dafür mit viel Temperament auf den armen Robert niederprasseln lassen. Er muss unseren grossen, breiten Koffer rückwärts und im rechten Winkel quer in die Fähre bugsieren, möglichst ohne Verluste für Material und Mensch. Unsere Bordkamera filmt diese einmalige Choreographie, die wir im folgenden Marokko-Film mit eingebaut haben.

Am Ende steht nach einer gefühlten Ewigkeit der Koffer sicher und zusätzlich fest verzurrt an Bord, und wir können mit Herrn Monet nach oben in den Passagierbereich, um die ca. einstündige Überfahrt sitzend zu geniessen. Leider ist das Wetter immer noch regnerisch und kühl, so dass wir keine Lust haben, die Strasse von Gibraltar an Deck zu überqueren, was im Sommer sicherlich ein besonderes Highlight wäre.

Auf der Fähre ist Monet sehr schnell schon wieder Liebling aller mitreisenden Kinder. Egal ob kleine Spanier, Marokkaner oder andere Nationalitäten. Die Kleinen fühlen sich magisch angezogen von unserem Vierbeiner, der etwas irritiert über das tiefe Brummen aus dem Schiffsbauch einerseits und die unerwartete Aufmerksamkeit so vieler kleiner Hände andererseits ruhig vor uns auf dem Boden sitzt, und alles stoisch über sich ergehen lässt.

»Comment il s’appelle?« – »Wie heisst er denn?«

Das hören wir hier zum ersten Mal aus begeisterten Kindermündern. Und es sollte nicht das letzte Mal auf unserer Marokkoreise sein.

Afrika ist anders – wir betreten einen neuen Kontinent.

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Im Hafen von Tanger angekommen, müssen wir als Einreisende diverse Formulare ausfüllen, die uns beim ersten Mal etwas kompliziert erscheinen. Einerseits müssen wir die persönlichen Einreisezettel abgeben, die wir bereits auf der Fähre ausgefüllt haben und dort abstempeln liessen. Andererseits müssen wir unser Fahrzeug für die Einreise bei der marokkanischen Polizei anmelden.

Mein Schulfranzösisch reicht leider nicht ganz aus, um genau zu verstehen, welche Fahrzeugnummer in welches Formularfeld einzutragen ist, und prompt mache ich alles falsch. Kein Problem für die marokkanischen Beamten, die hier in grosser Vielzahl und wichtigen Uniformen patroullieren.

Da wir mit unserem grossen »Camping Car« sowieso zur Seite fahren und auf die Inspektion der Zöllner warten müssen, habe ich genügend Zeit, mit einem der Beamten die Formulare nochmals durchzugehen, der sich hilfsbereit meiner Hilflosigkeit angenommen hat. Er schaut auf meine handschriftlichen Angaben, dann kurz zu mir, schüttelt väterlich den Kopf, schnappt sich einen dicken, schwarzen Filzstift vom Schalter und streicht damit auf meinem Formular herum, malt Pfeile von einer Angabe zur anderen und kritzelt eher unleserlich die fehlende Fahrzeugnummer in fetten Zeichen mitten aufs Papier. Stirnrunzelnd betrachte ich sein Kunstwerk, während er mich stolz angrinst und auf einen weiteren Schalter gegenüber deutet, zu dem ich als Fahrzeughalterin nun mit seinem Artefakt offensichtlich gehen muss: »Police!«

Aha! Der junge Polizist hinter der Glastrennscheibe schaut auf das Formular, dann wieder auf mich, dann auf den Fahrzeugschein, wieder auf mich und wundert sich offensichtlich, dass ich als Frau die Halterin dieses LKW Ungetüms bin, das dort hinten steht.

»Petra? C’est vous?«, fragt er mich schief lächelnd.
»Oui, c’est moi!«, antworte ich leicht verunsichert, schliesslich ist er von der Polizei.
Der Zollbeamte, der mich hergeschickt hatte, wedelt von Ferne mit den Armen und gibt dem Polizisten mit seinem Daumen ein o.k. Daraufhin bekomme ich auch für die Fahrzeug-Einreisegenehmigung endlich den ersehnten Stempel.

Zwei Zöllner inspizieren noch kurz den Innenraum unseres Koffers unter vielen »Ahhs« und »Ohhs«, wundern sich vermutlich wie so oft, dass kein Fernseher an Bord ist, und lassen uns schliesslich weiterfahren.

Der erste Kontakt mit Marokkanern, zumal mit Beamten, war äusserst positiv. Wir haben das Gefühl, dass sie uns völlig unwissenden Touristen freundlich geholfen haben und sind glücklich, dass die Einreise, die übrigens für Fahrzeug und Personen auf drei Monate begrenzt ist, so reibungslos geklappt hat.

Nach anderthalb Wochen Anreise endlich in Afrika! Marokko, wir kommen…

Unser erstes angepeiltes Übernachtungsziel ist die Stadt Moulay Bousselham am Atlantik, wo es einen Campingplatz gibt. Unsere erste Nacht in Marokko wollen wir nicht irgendwo wild parkend verbringen, sondern lieber auf einem offiziellen Stellplatz in Ruhe ankommen. Von anderen Reisenden erfuhren wir, dass Moulay Bousselham sich dafür anbietet. 

Vom Fährhafen in Tanger führt unser Navi-Gerät uns quer durch die Stadt, einen Hügel hinauf, mitten durch einen riesigen Markt, dessen Verkäufer halb erschrocken und halb belustigt vor unserem LKW herumturnen und uns zum Anhalten und Kaufen animieren wollen. Nichts liegt uns momentan ferner. Nach der Überfahrt und dem vorherigen anstrengenden Einparken suchen wir nun vor allem Ruhe. Also fahren wir langsam und vorsichtig an den Marktständen vorbei, winken lächelnd und lehnen dankend ab. Hochkonzentriert steuert mein Mann unser Reisemobil durch die stark frequentierten Strassen Tangers.

Dass wir nun in einem anderen Kulturkreis angekommen sind, merken wir nicht nur an den Moscheen und der andersartigen Kleidung der Menschen, sondern vor allem an ihrer Art sich im Strassenverkehr zu bewegen. Sowohl die Fussgänger als auch die Autofahrer agieren sehr gewagt und für uns Schweizer im höchsten Masse todesmutig bis lebensmüde. Da werden in einer Seelenruhe und Gelassenheit stark befahrene Hauptstrassen überquert, gern auch mit Kindern. Und mitten auf der Strasse wird mit dem Auto in zweiter, dritter oder wenn möglich vierter Reihe kurz und abrupt angehalten, meist ohne vorher zu blinken. Von den vielfältigen Möglichkeiten des Personen- und Tiertransports ganz zu schweigen.

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Mit äusserster Konzentration und für mein Empfinden erstaunlich gelassen navigiert Robert unseren Koffer durch das mittägliche Chaos, während ich aus dem Staunen und Gucken nicht mehr herauskomme. Froh darüber, unbeschadet endlich die ersehnte Atlantik Autobahn A1 erreicht zu haben, fahren wir auf ihr, parallel zur Atlantikküste, gen Süden bis nach Moulay Bousselham.

Entgegen unserer ursprünglichen Pläne, der nordafrikanischen Mittelmeerküste nach Osten zu folgen, bevor wir in den Süden fahren, wählen wir nun doch die direkte Südverbindung an der Westküste, da der Wetterbericht im Norden für Ende Dezember und Anfang Januar weitere starke Regengüsse angekündigt hat.

Moulay Bousselham – erste Übernachtung in Marokko

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Der Campingplatz in Moulay Bousselham liegt direkt an einer zauberhaften Lagune zum Atlantik. Schade nur, dass er komplett mit Maschendrahtzaun eingezäunt ist. Das Städtchen selbst macht im Winter einen recht verschlafenen Eindruck, wenn man von den wenigen Lagunen Bootsführen absieht, die uns als Touristen sofort erkennen und zu einer Bootsfahrt zu den Flamingos überreden möchten. Bei warmem, sonnigen Wetter bestimmt ein tolles Erlebnis. Bei dem trüben, windigen Wolkenwetter, das wir von Tarifa bis hierher mitgebracht haben, verspüren wir keine grosse Lust. Auch nicht, wenn wir Monet sogar aufs Boot mitnehmen dürfen, wie man uns lachend versichert.

Mein Mann möchte sich nach dem ersten marokkanischen Stadterlebnis ein wenig ausruhen, während Herr Monet und ich bei einem Gassigang die Umgebung erkunden. Die Einheimischen, denen wir begegnen, sind alle sehr freundlich und grüssen uns. Monet ist wieder der erklärte Held aller Kinder, die gar nicht schüchtern angelaufen kommen und mich fragen, ob sie ihn streicheln dürfen, und wie er heisst.

Obwohl ich selbst noch ein wenig am Fremdeln bin, unsicher, wie ich mich hier bewegen und mit den Marokkanern kommunizieren soll, scheinen sie selbst sehr offen zu sein und keine Probleme mit europäischen Touristen zu haben. Ich muss mich wohl erst noch an die marokkanische Kleidung gewöhnen, vor allem daran, dass die meisten Frauen einen Hidschab tragen und die Männer in Djellabas, langen Kaftans, teils mit spitzen Kapuzen unterwegs sind. Plötzlich fühlt man sich kleidungstechnisch mit Jeans, T-Shirt, Pullover und ohne Kopfbedeckung selbst in der Minderheit und damit unsicher, was mich die Einheimischen jedoch nicht spüren lassen. Das Gefühl spielt sich wohl eher in meinem Kopf ab.

Entsprechend kurz fällt unser erster Alleingang in Moullay Bousselham aus. Allerdings nicht, ohne  vor dem Eingang zum Campingplatz noch an dem kleinen Geschäft oder Kiosk Halt zu machen, der von Fruchtsäften über Fladenbrot bis zu Zigaretten und MarocTelekom Datenkarten alles feilbietet. Unser Fährticket-Verkäufer Klaus hatte uns diesen Kiosk empfohlen für den Kauf einer MarocTelekom Datenkarte für unser Mobiltelefon. Den Tipp will ich gleich mal ausprobieren. Mit meinem Schulfranzösisch und indem ich ihm mein Telefon reiche, erkläre ich dem freundlichen Kioskbetreiber mein Anliegen.
Er versteht sofort, fragt mich nach dem Wert, den ich investieren möchte, und legt mir verschiedene, verpackte Karten vor. 5 GB für 50.- DH, umgerechnet also ca. 5.- CHF. Überrascht über diesen für Schweizer Verhältnisse traumhaft günstigen Preis, nicke ich bei 5 GB. Dazu einmalig 50 DH für die marokkanische SIM Karte, d.h. mit umgerechnet 10.- CHF haben wir sehr unkompliziert wieder Verbindung zur europäischen Aussenwelt. Der freundliche Marokkaner wechselt mir ausserdem gleich die SIM Karte und aktiviert die Datenkarte für mich, da ich ihn wohl etwas hilflos anschaue, als er mir die Karten verpackt über den Tresen schiebt.
Als er mich schliesslich auf Französisch mit einem Schalk im Blick fragt, ob er die Kommunikation mit MarocTelekom in Französisch oder Arabisch für mich aktivieren solle, müssen wir beide schallend lachen, und das Eis ist endgültig gebrochen.

Dankbar, dass er mir  so unkompliziert geholfen hat, und wir nun wieder »online« gehen können, kaufe ich ihm auch noch ein Fladenbrot, einen Mango- und einen Apfelsaft ab. Mit einem beinahe schlechten Gewissen bezahle ich alles, denn der Preis kommt mir sehr niedrig vor.
»Anscheinend muss ich mich nicht nur an die marokkanische Kleidung gewöhnen.«, denke ich, als ich mit Monet zu unserem Mobil zurück schlendere.

Stolz über meinen ersten marokkanischen Einkauf erklimme ich unsere Treppe, wo mir bereits Robert entgegenkommt mit den Worten: »Gut, dass Du kommst, ich brauch ein paar Dirham für den jungen Mann dahinten!« Mit einem Fahrrad spurtet auch schon ein junger Marokkaner herbei, der in seinem Anhänger frische Himbeeren und Erdbeeren zum Verkauf transportiert. Wunderschöne, reife, grosse Himbeeren glänzen mich förmlich an. Ende Dezember! Natürlich kann ich nicht widerstehen und kaufe ihm gleich zwei Schalen der süssen Früchtchen ab.

»Siehst Du, was hab ich dir gesagt?«, schmunzelt mein Mann. »Auch in Marokko kann man alles einkaufen, was das Herz begehrt «, und spielt damit auf meinen Hamsterkauf in Tarifa an, mit dem ich, alte Zweiflerin, unseren Bordkühlschrank in Spanien nochmals bis an den Rand gefüllt hatte.

Ein wenig beschämt gebe ich zu, dass er wieder einmal recht hatte. Und freue mich innerlich, dass unser erster Tag in Marokko so überaus positiv und alles in allem recht unkompliziert verlief.

Bevor wir am nächsten Tag weiter entlang des Atlantiks in Richtung Süden fahren, holen wir im Städtchen an einem Geldautomaten erst noch einige Dirham mit unserer Bankkarte, da wir zuhause nicht allzu viel Bargeld umgetauscht hatten. Auch das funktioniert problemlos wie zuhause.

Oualidia – Austern und »Chuchichäschtli« am wilden Atlantik

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Unser nächstes Ziel ist der Fischerort Oualidia, wo man mitten im Ort auf einem grossen, bewachten Parkplatz für eine geringe Gebühr parken und übernachten darf. Wir sind nicht die ersten und einzigen Wohnmobilisten, die hier auf dem Weg in den Süden Station machen.

In Oualidia ärgere ich mich erst recht ein wenig über meinen Lebensmittelgrosseinkauf in Spanien, denn hier sind wir im absoluten Fisch- und Meeresfrüchte-Paradies gelandet. Der Fischerort liegt direkt an der wilden Atlantikbrandung, an deren Felsen die begehrten Langusten, Krebse, Muscheln und vor allem Austern zu finden sind. Aber auch Fische wie z.B. Seezungen werden hier fangfrisch von den marokkanischen Fischern verkauft und sogar auf dem Wohnmobil Parkplatz direkt an den Fahrzeugen angeboten. Ausserdem gibt es einige Einheimische, darunter auch die Parkplatzwächter, die den Wohnmobilreisenden anbieten, hausgemachtes Cous-Cous und verschiedene Tajines, den typisch marokkanischen Eintopf mit Fleisch und Gemüse, ans Wohnmobil zu liefern.

Schliesslich runden die Fischbraterei-Stände direkt am Strand und ihre beschirmten Sitzplätze mit frontalem Atlantikblick in der ersten Reihe das verlockend kulinarische Angebot von Oualidia ab, wo vor allem französische Reisende auch gern im Dutzend frische Austern schlürfen. Und alles zu äusserst moderaten Preisen, wie in Marokko üblich.

Wir sind zwar keine Austern Fans, aber frischer Fisch oder ein marokkanischer Eintopf hätten uns schon sehr erfreut. Stattdessen gibt es bei uns an Bord Hähnchenschnitzel und Gemüse, weil wir zuerst unseren Kühlschrank leeren müssen, um generell zu vermeiden, Lebensmittel wegzuwerfen. Mir als Kombüsen Chef blutet das Herz beim Anblick all der frischen Spezialitäten, die für uns zuhause beinahe unerschwinglich und schon gar nicht so frisch sind. Mein einziger Trost ist die Tatsache, dass die marokkanische Küste lang ist, und wir erst am Anfang unseres Abenteuers sind.

In diesem kleinen, sympathischen Fischerort stellen wir das erste Mal fest, wie kommunikativ und auf sympathische Weise neugierig Marokkaner sind. Und zwar nicht nur, wenn sie einem etwas verkaufen wollen. Denn ein älterer Mann mit nur noch einem Zahn im Mund spricht uns auf Französisch an und möchte wissen, woher wir kommen.

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»De la Suisse«, antworte ich ihm, worauf er anfängt zu strahlen und uns hocherfreut antwortet: »Chuchichäschtli!«, um dann die Konversation mit uns in reinstem Schwiizerdütsch fortzusetzen. Wir staunen nicht schlecht und wollen natürlich wissen, weshalb der alte Marokkaner unsere Sprache so gut spricht. Spitzbübisch grinst er uns an und beginnt zu erzählen, was ich der Einfachheit halber nun in Hochdeutsch wiedergebe:
»Als ich vor vielen Jahren jung und schön war und alle meine Zähne noch hatte, gab es ein paar Jahre lang eine Freundin in meinem Leben, Renate aus Zürich!«, und seine Augen leuchten, während er von ihr erzählt.
Nach einigem Hin und Her meint er schliesslich noch zu Robert: »Ich mach Dir einen Vorschlag! Du kannst den Hund behalten und lässt mir Deine Frau hier…« Dabei lacht er sich förmlich kaputt über seinen eigenen Scherz. 

Ich, nicht minder schlagfertig, frage ihn darauf ebenfalls scherzend: »Für wieviele Kamele?« Woraufhin er meint: »200! Aber nur auf der Postkarte.«

Wir haben tatsächlich viel Spass mit diesem älteren Herrn, dessen Gesicht voller Lachfalten ist, und der trotz eines sicherlich nicht leichten marokkanischen Lebens seinen Humor nicht verloren hat. Auf die Frage, ob wir ein Erinnerungsfoto mit ihm machen dürften, nickt er und stellt sich lachend in Pose. Zum Abschied ruft er uns noch hinterher: »Und vergesst nie, der Humor ist das allerwichtigste im Leben! Zu viele Menschen haben das leider vergessen!«

Gut gelaunt kehren wir nach diesem unverhofften Plausch von unserem Strandspaziergang zurück und notieren Oualidia als absolut sehens- und liebenswerten Ort in unserem Reisetagebuch.

Surreales Jahresende mit unverhofften Schutzengeln

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Das Jahr neigt sich seinem Ende zu und wir überlegen uns, wo wir den letzten Tag des Jahres verbringen möchten. Lieber nicht in einem Ort mit vielen Menschen, schon gar nicht auf einem Parkplatz mit vielen Wohnmobilen, weil man nie sicher sein kann, ob die europäischen Touristen Silvesterböller abfeuern. Herr Monet hasst die Knallerei, die ihm in seinen empfindlichen Hundeohren Schmerzen bereitet und ihn ausserdem erschreckt. So verlassen wir Oualidia auf der Suche nach einem einsamen Plätzchen an der Küste.

Fündig werden wir schliesslich am Cap Bedouzza, wo wir unterhalb des Leuchtturms an einer Hotelruine direkt am Strand einen aussichtsreichen Parkplatz mit Atlantikblick finden. Im Sommer scheint der Strandabschnitt hier ein Bade- und Ferienplatz zu sein, wovon eine leicht morbid wirkende, gepflasterte Strandpromenade, einige Badehäuschen und eine ins Nichts des Himmels führende Wendeltreppe im Sand Zeugnis ablegen.

Um die Mittagszeit des 31. Januars sind wir die einzigen Besucher. Perfekt für unser ruhiges Jahresende. Ein einziges Restaurant an der Strasse hat geöffnet. Da wir mit unserem Reisemobil gern hier stehen bleiben möchten, obwohl es sich um keinen ausgewiesenen Stellplatz handelt, fühlen wir uns wenigstens verpflichtet, im Restaurant etwas zu trinken und kurz »Guten Tag« zu sagen. Der junge Kellner spricht ausser arabisch leider nichts, so dass wir mit Händen und Füssen einen Kaffe und eine Cola bestellen. Auch im ungeheizten, spartanisch eingerichteten Restaurant sind wir die einzigen Gäste. Dafür läuft der überdimensionale Fernseher auf Hochtouren und zeigt arabische Musikvideos mit erstaunlich offenherzigen, lasziv singenden, üppigen Araberinnen, natürlich ohne Kopftuch und Schleier. Für uns eine etwas seltsame Atmosphäre, aber der Kaffee ist ausgezeichnet und der Kellner freundlich.

Der einsame, verlassene Strand mit seinen surreal anmutenden Bauwerken ist für uns die perfekte Fotokulisse, auch wenn die Sonne heute nicht ganz so mitspielt. In diesiger Atlantikstimmung entstehen Fotos, die an Bilder von Salvador Dali oder René Magritte erinnern. Und wir sind absolut zufrieden und glücklich mit unserem exklusiven Silvesterplätzchen, fern der bevölkerten Zivilisation.

Nach einem feinen Abendessen in unserm Koffer gehen wir relativ früh zu Bett um zu lesen, denn ausser einem spanischen Reisemobil, mit dem sich in der Dämmerung eine junge Familie ebenfalls noch an das andere Ende der Strandruine gekuschelt hat, ist hier nicht viel los. Kaum haben wir es uns im Schlafanzug gemütlich gemacht und unsere Bücher aufgeschlagen, hören wir draussen mehrere Fahrzeuge, die anscheinend in der Nähe parken, und lautes Stimmengewirr.

Robert öffnet unsere Jalousien einen kleinen Spalt, um zu sehen was draussen los ist, als es auch schon an unsere Tür klopft. »Ein Polizeiwagen und ein Zivil PKW«, informiert er mich knapp, bevor er das Küchenfenster öffnet, um zu fragen, was es für ein Problem gibt.

Offensichtlich spricht der marokkanische Polizist nur Arabisch und Französisch, mein Mann aber beides nicht gut genug, um ihn zu verstehen. Ich höre schliesslich heraus, dass es wohl ein Problem mit diesem Übernachtungsplatz gibt, und dass er uns höflich bittet, einen Augenblick zu warten. Nach ca. zehn Minuten kommt ein weiteres ziviles Fahrzeug, dem ein grosser bärtiger Mann entsteigt und auf unser Mobil zukommt. Wir öffnen nun die Tür, um besser kommunizieren zu können, und erfahren in perfektem Deutsch von dem höflichen Neuankömmling, einem Gemeindemitarbeiter des oben gelegenen Ortes, dass wir und die Spanier hier unten am Strand leider nicht übernachten dürften. Die Gemeinden in Marokko hätten für die Sicherheit der ausländischen Touristen zu garantieren. Aber sie könnten unsere Sicherheit an dieser Stelle in der unbewachten Wildnis nicht zu hundert Prozent gewährleisten. Deshalb bieten sie uns an, dass wir oben im Ort an sicherer Stelle, in der Nähe des Polizeipostens, mit unseren Reisemobilen stehen und übernachten dürfen, kostenlos selbstverständlich. Und dass sie uns im Konvoi dorthin eskortieren.

Total erstaunt über dieses seltsame, nächtliche Aufgebot und freundliche Angebot, aber auch ein wenig traurig, dass wir unseren »wilden, romantischen Vollmond Silvesterplatz« nun aufgeben müssen, klettern wir in unseren Schlafanzügen mitsamt Monet ins Fahrerhaus und folgen den drei marokkanischen Fahrzeugen durch die Dunkelheit hinauf in den erleuchteten Ort. Dort dürfen wir auf dem Parkplatz eines Hotels parken, der nur wenige Meter von der Gendarmerie entfernt liegt.

Wir hatten von anderen Reisenden bereits gehört, dass die oberste Maxime des marokkanischen Königshauses und der Regierung die Sicherheit der ausländischen Touristen in Marokko ist. Dass wir diese Fürsorge aber bereits an unserem dritten Marokko Tag selbst erfahren dürfen, und dann auch noch so überaus freundlich und zuvorkommend, das ist eine positive Überraschung.

So verbringen wir eine sehr sichere letzte Nacht des Jahres, von unseren Schutzengeln der Gendarmerie und einem grossen, dunkelgelben Vollmond bewacht, der gütig auf uns herab leuchtet, in Cap Bedouzza, am schönen Ende der marokkanischen Küste…»Happy New Year!«

Fortsetzung folgt…

Wie das neue Jahr für uns in Marokko startet, wohin uns die weitere Reise führt und warum ein Schweizer Taschenmesser der Schlüssel zu einer Freundschaft sein kann, darüber berichte ich im nächsten Artikel: »Aufgepasst marokkanische Berber im Antiatlas!…«

Alle Abenteuer im Detail, wunderbare Begegnungen, skurrile Anekdoten, einmalige Landschaften und beeindruckende Menschen, sowie unseren ganz persönlichen»Verlags-Krimi«, der uns während unserer Marokkoreise ebenfalls begleitet hat, gibt es ab nächstem Jahr als bewährt amüsanten Roman, in dem es wieder ganz schön »menschelt«, mit dem Titel »Ein Hund, sein Rudel und ein Expeditionsmobil.«

7 Kommentare zu Dem Winter entfliehen – mit Hund und Reisemobil nach Marokko

  1. Susanne Sponring // 09/12/2018 um 21:06 // Antworten

    Obwohl wir nun schon den 4. Winter in Marokko verbringen, finden wir diesen Artikel extrem interessant und freuen uns schon riesig auf den nächsten Teil!

  2. Mit großer Freude lesen wir euren Bericht, da wir vor wenigen Wochen exakt die gleichen Erfahrungen gemacht haben. Wir freuen uns auf den zweiten Teil.
    Klaus und Michaela
    Freundschaft aller Völker
    http://www.freundschaftallervoelker.jimdo.com

  3. Hallo, ich freue mich schon auf den neuen Roman von euch. Lg Sabine aus Soest

  4. Hey Petra,
    Du beschreibst die Stimmung dort so gut und so feinfuhlig erzaehlst du die Begegnungen mit den Menschen dort
    so das lesen eure Reisen mir viel freude bereitet. Vielen dank dafur und weiter so.
    Ibrahim

  5. Wir sind gerade auf dem Weg nach Marokko, wir treffen uns noch mit zwei weiteren CH Wohnis und dann gehts auf die Fähre. Freuen uns schon, danke für den schönen Bericht. Wenn ihr mögt, schaut mal bei uns rein auf http://www.d-hai.ch

  6. Toll Petra, macht wirklich große Lust, sofort loszufahren, wir freuen uns auf weitere Berichte zum nachahmen!
    Viele Grüße aus Berlin
    Sandra

  7. ralf-peter gawin // 25/11/2018 um 17:37 // Antworten

    Mensch möchte gleich sein WoMo startklar machen um Euren Reisepfaden zu folgen.

    Es macht wieder viel Spaß Deinen Reisebericht zu lesen.

    Bis bald mal wieder
    herzlichst
    Ralf-Peter

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