Das unbekannte Spanien – Natur pur, Hippie-Hunde und ein Hauch von Wildem Westen

Hide-Aways in Spanien ohne sozialen Dichtestress

Auch wenn durch die aktuelle Situation Reisen in andere Länder in den Hintergrund getreten sind, werden vermutlich die europäischen Destinationen eher wieder in den Fokus geraten als Fernziele.
Unabhängiges Reisen mit Hund im eigenen Wohnmobil ist in diesen Zeiten aus vielen Gründen sicherlich vorteilhafter als Hotelaufenthalte, deshalb als kleine Anregung und mögliche zukünftige Reisevision: das unbekannte Spanien aus unserer Sicht. Vor allem im Winter, ausserhalb der hoch frequentierten Hauptsaison, gibt es hier noch einsame «Hide Aways» ohne sozialen Dichtestress für unabhängig Reisende, die manch einer aktuell vielleicht sucht…

Das unbekannte Spanien – Natur pur, fröhliche Hippie-Hunde und ein Hauch von Wildem Westen

Bei Spanien als Feriendestination denken viele Menschen an billigen Pauschaltourismus oder an überfüllte Strände im Sommer mit hässlichen Bettenburgen am Mittelmeer. Hundeliebhaber winken vielleicht mit Grauen ab, weil sie an die vielen ausgesetzten Hunde oder die armen misshandelten Galgos in Spanien denken. Aber wie so oft im Leben sollte man auch hier einen zweiten Blick riskieren und Spanien eine Chance geben, denn ausserhalb der Hochsaison und abseits der Touristen-Hotspots am Mittelmeer oder in den Grossstädten zeigt sich das Land von einer ganz anderen Seite, in die man sich als Reisender mit oder ohne Hund verlieben kann.

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Herr Monet geniesst frühmorgens den Sonnenaufgang in der Bucht von Calabardina.

Mit Herrn Monet machten wir uns in der Nebensaison von Januar bis April auf die Suche nach dem anderen Spanien.
Das unbekannte Spanien faszinierte uns im südlichen Andalusien mit hügeligen, grünen Naturschutzgebieten, einsamen, unendlichen Stränden, friedlichen Hippie-Hunden sowie einem Hauch von Wüste und Wildem Westen. Und mit einem ganz besonderen Stellplatz irgendwo im Nirgendwo der spanischen La Mancha, wo Monet einen vierbeinigen Kumpel fand.

Ende Januar packten wir also wieder einmal unser Reisemobil, um diesmal das unbekannte Spanien für drei Monate zu erkunden.

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Graziles Flamingo Ballett in den Salzlagunen der südfranzösischen Camargue.

Über die bereits frühlingshaft anmutende französische Camargue mit ihren reizenden rosa Flamingo-Balletts gelangten wir ins nordöstliche Spanien, vorbei an Barcelona, das wir – wie alle Grossstädte – grossräumig umfuhren.

Unser erstes Highlight in Südspanien war ein aussergewöhnlicher Stellplatz. Die «Finca Caravana» in der südspanischen Region La Mancha, wo sich im wahrsten Sinne des Wortes Fuchs und Hase Gute Nacht sagen.

Betrieben von einem bayrischen Aussteiger und Lebenskünstler, liegt dieser Stellplatz irgendwo im Nirgendwo. Ähnlich dem tragischen Romanhelden «Don Quijote» von Cervantes, der in der La Mancha einst gegen Windmühlen kämpfte, trotzt der optimistische Bayer in dieser kargen, aber wunderschön ruhig gelegenen Einöde den zuweilen widrigen Elementen. Zwischen üppig blühenden Mandelbäumen in Rosa oder Weiss und altehrwürdigen Olivenhainen residiert er mit seinen Hühnern, Hasen und friedlichen Hunden zwischen Kräutergarten, Feuerstellen und Open-Air-Küche.

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Ein Tänzchen in Ehren kann niemand verwehren. Monet und sein Kumpel Fernando, der heimliche Platzchef der «Finca Caravana».

Selbst Monet wurde freundlich begrüsst vom heimlichen Platzchef, dem frechen spanischen Findelmischling Fernando, der unseren Hund sogleich zum besten Freund erkor und während unserer Anwesenheit nicht mehr von seiner Seite wich, ausser wenn er mit seinem Herrchen die Bioeier glücklicher Hühner aus den Nestern holte oder beim Füttern mal kurz im Hasenstall bei seinen Langohr-Freunden Hallo sagte.

Ein echter Pazifist auf vier Pfoten, der nicht einmal die vielen wilden Kaninchen jagt, die in der Abenddämmerung keck aus ihren Bauten neben dem Stellplatz hoppeln.

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Die Kartoffeln für’s Herrchen, die Bratwurst für Monsieur…

Ein kleines Paradies, in dem wir einige Tage mit Monet durch die stille, blühende Landschaft wanderten, ohne vielen Menschen zu begegnen, und bereits Anfang Februar dem Outdoor Campingleben frönen konnten.

Einsamkeit an spanischen Stränden

Nach dieser kleinen, ruhigen Auszeit in der kargen La Mancha zogen wir weiter an die Küste Südspaniens, wo wir südlich der Stadt Murcia den charmanten Küstenort Calabardina entdeckten.

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Sun Downer in der pittoresken Bucht von Calabardina.

An einer idyllischen Bucht gelegen, umgeben von sanften Felshügeln, der perfekte Ausgangspunkt für ausgiebige Hundewanderungen mit fantastischem Meerblick. Im Februar wächst hier in den Hügeln bereits der erste wilde grüne Spargel, den wir zu einer feinen Spargel-Tortilla verarbeitet haben.

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Zwischen den roten Erdhügeln der ehemaligen Goldmine von Rodalquilar kann man stundenlang wandern und fühlt sich dabei ein wenig wie Indiana Jones.

Weiter südlich an der Mittelmeerküste gibt es in der Nähe des ehemaligen Goldminen-Örtchens Rodalquilar einen sehr speziellen, wunderschönen Strand namens El Playazo.

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Goldene Felsen und Hügel am Strand von El Playazo.

Hier könnte man im warmen Abendlicht beinahe meinen, das zu früheren Zeiten in den Minen von Rodalquilar abgebaute Gold sei an der Küste geschmolzen und über die Felshügel sowie den Sandstrand gegossen worden, denn hier schimmert bei Sonnenuntergang alles in einem warmen Goldton. Dieser magische Küstenabschnitt gehört bereits zum Naturpark Cabo de Gata, wo das Mittelmeer noch nicht von Hotelburgen und Vergnügungsparks verdeckt wird.

Am unendlich langen Sandstrand zwischen dem Dörfchen Cabo de Gata und dem kleinen Fischerweiler La Fabriquilla spazierten wir stundenlang mit Herrn Monet entlang einer kleinen Saline, wo auch heutzutage noch Meersalz gewonnen wird, ohne einer Menschen- oder Hundeseele zu begegnen.

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Am Cabo de Gata liegt unser Lieblingsort «La Fabriquilla» zwischen Salzlagune und endlosem Mittelmeer Sandstrand.

Diese Einsamkeit mag sicher auch an der Vorsaison gelegen haben, denn ab Ostern öffnen auch in den kleinen Fischerdörfern ein paar kleinere Restaurants und Strände für die meist einheimischen Badegäste. Im Hochsommer möchten wir hier mit Hund auf keinen Fall sein, denn dann wird auch hier gedrängelt, Hunde sind am Strand nicht gern gesehen und das Thermometer steigt dann in hundefeindliche Höhen. Aber in der Nebensaison von Februar bis April oder von September bis November ist dieses kleine Kap am südwestlichen Zipfel Andalusiens ein echter Geheimtipp für unabhängig reisende Wohnmobilisten.

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Zeitreise in «La Fabriquilla».

Wilder Westen in Spanien

Vom Meer zog es uns weiter ins Hinterland, das uns vollends in seinen Bann zog. Im Landesinneren erreichten wir die Desierto de Tabernas, eine ganz besondere Wüstenlandschaft, wo das historische Filmgelände «Fort Bravo Texas Hollywood» liegt. Heutzutage kann man es besichtigen und in der Nebensaison sogar mit dem Wohnmobil auf dem Gelände übernachten, wenn man den Eintritt bezahlt. Hier trafen wir sie tatsächlich, die Westernhelden unserer Kindheit auf ihren rassigen Pferden, Banditen und Sheriffs, Indianer, Bardamen und Tänzerinnen. Die alten Filmkulissen, inmitten einer faszinierenden Wüstenlandschaft, die unzähligen Italo-Western als Heimat dienten, sind einen Besuch wert.

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«Spiel mir das Lied vom Tod» – Westernfeeling mitten in Spanien.

Texas Hollywood hat uns begeistert, obwohl wir Sehenswürdigkeiten sonst meiden, vor allem am Abend und frühen Morgen, wenn man die Westernstadt quasi für sich alleine hat und mit dem Hund im warmen, perfekten Fotolicht eine kleine Zeitreise zu Fuss unternehmen kann.

Kleiner Wermutstropfen für Hundebesitzer: Leider wird hier zweimal am Tag ordentlich mit Platzpatronen geknallt, wenn die Stuntmen ihre Westernshow abziehen. Das hat Monet nicht so gefallen. Wir sind dann mit ihm möglichst weit weg in die weitläufigen Wüstenhügel ringsherum spaziert, während von fern aus den Lautsprechern der Westernstadt «Spiel mir das Lied vom Tod» an unsere Ohren drang. Gänsehaut pur!

Wem das zu touristisch erscheint, dem können wir zwei sehr authentische andalusische Orte weiter südwestlich empfehlen: El Rocio, am Nationalpark Coto de Doñana in der Provinz Huelva gelegen, und El Terron kurz vor der portugiesischen Grenze. Ausser an Pfingsten, wenn hier Hauptsaison für spanische Pilger und Wallfahrer ist, erscheinen beide Orte in der Nebensaison wie verschlafene, alte Western-Käffer. Keine befestigten Strassen, nur Sandstrassen und -wege zwischen den zweistöckigen Gebäuden, vor denen sich jeweils eine Holzterrasse mit Zaun zum Festbinden der Pferde befindet.

So bewegen sich die Einwohner auch meist hoch zu Ross oder mit Pferdewagen durch die Orte. Stolze Spanier und Spanierinnen, oft in der für die Andalusier typischen Reiterkleidung, ritten auf ihren edlen Pferden an uns vorbei.

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Apéro hoch zu Ross auf andalusisch.

Einige trafen wir sogar freitagabends hoch zu Ross vor einer Bar stehend, wo die Tische optimale Pferdehöhe für einen entspannten Apéro im Sattel haben. El Terron ist kleiner als El Rocio, hat einen kleinen Fischerhafen und ein sehr gutes Hafenrestaurant direkt am Meer, wobei der eigentliche Ort mit den ebenfalls typischen Pilgerhäusern der verschiedenen andalusischen Bruderschaften erhöht liegt.

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Sonnenuntergang wie in einem Edward Hopper Gemälde in El Terron.

So viel Wilden Westen hatten wir in Spanien nicht erwartet, waren aber völlig angetan von dieser ganz anderen Seite des Landes. «Hier sieht’s ja aus wie in Mexiko», ertappten wir uns immer wieder zu sagen. Andersherum wird jedoch ein Schuh draus: Seit die Spanier Südamerika entdeckt und erobert hatten, sieht es im Wilden Westen aus wie in Andalusien.

Steinböcke gibt es nicht nur in den Alpen

Vorbei an den weiss verschneiten Gipfeln der Sierra Nevada in der Ferne, fuhren wir weiter westwärts ins Hinterland von Antequera, von dort in Richtung Parque Ardales und in die Gebirgszüge von El Chorro, wo wir wieder in einmalige, menschenleere Naturregionen vorstiessen.

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Stausee und viele einsame Hügel zum Wandern im Hinterland von Antequera.

An wunderschön gelegenen Stauseen fanden wir einsame kleine Naturparkplätze inmitten uralter Olivenhaine. Durch die im spanischen Frühling grüne, blühende Landschaft mit wunderbar duftenden mediterranen Kräuterstauden und einem Meer von wilden, violett-gelb getigerten Iris wanderten wir stundenlang mit Monet, ohne jemandem zu begegnen. Wir waren angenehm überrascht, im südspanischen Hinterland solch perfekte Wandergebiete zu entdecken.

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«Unter Geiern».

Im bizarr zerklüfteten Gebirge von El Torcal und im Gebiet von El Chorro kreisten majestätische Gänsegeier über unseren Köpfen und neugierige Iberische Steinböcke musterten uns unter ihren stattlichen Hörnern hervor – beinahe wie in den Alpen, aber um diese Jahreszeit deutlich milder und grüner.

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Steinböcke gibt es nicht nur in den Alpen.

Wir durchquerten das andalusische Hinterland auf engen Nebenstrassen, vorbei an Orangen- und Zitronenbäumen voller reifer Früchte und uralten Olivenbäumen, immer in Richtung Westen.

Tarifa – «We love dogs»

Nach so vielen Hügeln und Bergen zog es uns ganz im Südwesten Spaniens doch noch mal in Richtung Küste. Die touristische Briten-Enklave Gibraltar mit ihrem Affenfelsen liessen wir links liegen und steuerten direkt die südlichste Stadt Andalusiens an: Tarifa. Noch ahnten wir nicht, dass wir an diesen Ort nun endgültig unser Herz verlieren würden, dort wo Mittelmeer und Atlantikwellen sich treffen – und Hunderte verrückter Wellenreiter und Kitesurfer.

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Kitesurfen geht bei jedem Wetter.

Wir genossen die freundliche und entspannte Atmosphäre dieser jung gebliebenen alten Stadt mit ihrem maurischen Altstadtkern, den engen Gassen, morbiden Häusern und dem windigen, wilden Atlantikstrand, von dem aus die marokkanische Küste zum Greifen nah ist.

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«Monet, bring das Stöckchen!»

Dort drüben liegt Afrika, so nah und doch so fern … Dieses Mal begnügten wir uns jedoch mit dem unendlich langen Atlantikstrand Tarifas, wo wir den Kitesurfern begeistert zuschauten und Herr Monet stundenlang völlig aus dem Häuschen durch den Sand düsen konnte, immer mal wieder begleitet von wechselnden zwei- und vierbeinigen Freunden, denen es hier ebenso gut gefiel wie uns.

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«We too!»

In Tarifa sind Hundebesitzer und ihre Fellnasen sehr willkommen, und wir haben bisher noch nirgends in Europa so viele gut sozialisierte, friedliche Vierbeiner getroffen. Es gibt hier sogar eine moderne Tierarztpraxis, die Clinica Veterinaria Europa, mit einer sehr freundlichen deutsch und englisch sprechenden Schweizer Tierärztin. Warum wir dort waren? Monet brauchte eine Tollwutimpfauffrischung, die er hier professionell und unkompliziert erhielt.

Viele Reisende, die südspanischen Findelhunden von der Strasse ein neues Zuhause geben wollen, wenden sich ebenfalls an diese professionelle Tierklinik, wo die Tiere untersucht und nach EU-Recht mit den notwendigen Impfungen und Papieren ausgestattet werden.

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Monet findet immer und überall Anschluss und Freunde.

Vierbeinige, charmante Promenaden-Schönheiten gibt es in Südspanien (leider) mehr als genug. Oft brach uns beinahe das Herz, wenn wir wieder einmal auf diese meist sehr friedfertigen, eher schüchternen Hunde trafen. So sehr, dass ich vor Jahren wenigstens einem dieser südspanischen Charmeure namens Pedro ein geborgenes Zuhause bei meinen Eltern vermittelte. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft und wiederum eine ganz andere Geschichte …

nurMut…wirf Deine Vorurteile über Bord und reise neugierig, optimistisch und mit offenen Augen durch die Welt…es lohnt sich. Immer.

Diese Reportage erschien auch im Schweizer Hundemagazin Nr. 6 August/ September 2020.

1 Kommentar zu Das unbekannte Spanien – Natur pur, Hippie-Hunde und ein Hauch von Wildem Westen

  1. Ralf-Peter Gawin // 02/09/2020 um 15:07 // Antworten

    Ihr Lieben,
    auch wenn es kein ganz aktueller Bericht ist, kann mensch somit zumindest in Gedanken nachreisen. Die Bilder der Text und die Route lassen in mir viele eigene Erinnerungen an die beeindruckenden Landschaften Andalusiens abseits der Touristenströme erwachen.
    In den späten 90er Jahren durfte ich mehrmals damals noch mit dem Reisebus als Fahrer und Reiseleiter mit neugierigen Mitreisenden die Region des „Cabo da Gata“ und „Conil/Tarifa“ für Wanderer und Radler entdecken.

    Immer wieder ein Freude
    Euer
    Ralf-Peter

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