Südafrika – Die Abkürzung durchs Township

Die andere Seite des schönen Caps.

suedafrika Abzweigung verpasst

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen…

Ernest Hemingway hat einmal gesagt:

„Never go on trips with anyone you do not love.“

Um den Wahrheitsgehalt dieser Aussage zu überprüfen, plante ich vor einigen Jahren mit meiner „neuen Liebe“ eine Reise nach Südafrika. Und zwar nicht all inclusive pauschal. Sondern auf eigene Faust und individuell.

Wir flogen also nach Kapstadt, wo wir am Flughafen unseren „Mietwagen“ entgegen nahmen. Dort wartete bereits die erste Überraschung von vielen auf uns, die auf dieser Reise noch folgen sollten. Denn anstatt des gebuchten Mittelklasse Wagens präsentierte uns die freundliche Avis Mitarbeiterin einen Kleinstwagen: einen alten dreitürigen Opel Corsa. Alles Diskutieren half nichts: „Den oder keinen!“ „Egal, schliesslich wollen wir uns die südafrikanische Kapregion anschauen, und das wird auch mit einem kleinen Opel Corsa möglich sein“, dachten wir. Und hievten unsere grossen Koffer umständlich auf den Rücksitz und in den Kofferraum. „Wichtig ist, der Kleine hält durch!“

Die nächste Überraschung erlebte ich, als mein lieber Beifahrer, kaum 1 km nach der Flughafenausfahrt zu mir sagte: „Da vorne musst Du rechts abbiegen…ich kenn da eine Abkürzung nach Stellenbosch“. Dort wollten wir Bekannte meines Liebsten besuchen, bevor wir unser erstes Guest House in Clifton Bay ansteuerten.

„Robert kennt eine Abkürzung, obwohl er noch nie vorher in Südafrika gewesen ist?“ 

Bevor ich mich richtig wundern konnte, hatte ich seine Anweisung auch schon befolgt und bin an der nächsten Ampel abgebogen.

Suedafrika

Vom Airport ins Township.

Als wir weiter fuhren, kam uns die Umgebung zunehmend seltsamer vor. Die Strasse wurde schmaler, die Schlaglöcher dafür immer tiefer.  Mit der breiten Zubringerstrasse, die ich von früheren Kapstadt Besuchen her kannte, hatte diese rein gar nichts mehr zu tun. Da wir weder ein Navigationssystem in unserem spartanischen Vehikel hatten noch eine Strassenkarte von der Umgebung, fuhren wir einfach weiter. Frei nach dem Motto „Augen zu und durch“. Denn diese Strasse erschien uns so gut oder schlecht wie jede andere. Und den Rückweg auf die Schnellstrasse hätten wir sowieso nicht mehr gefunden. Als wir an der nächsten Ampel bei Rot anhalten mussten, sahen wir uns etwas genauer um. Und als ich ein Schild mit folgender Aufschrift  sah, war mir alles klar:

NYANGA

Wir waren anstatt auf der N2, die zur direkten Abfahrt nach Stellenbosch geführt hätte, auf einer der kleinen Nebenstrassen gelandet. Die uns nun direkt in eines der ältesten Townships Kapstadts führte.

Dorthin, wo die Ärmsten der Armen in Wellblechhütten oder schiefen Holzverschlägen hausen. Wo die vielen afrikanischen Flüchtlinge als erstes landen und nur selten einen sozialen Aufstieg in die besseren Stadtviertel schaffen. In ein Slum der schwarzen Südafrikaner. Also dorthin, wo man als Tourist auf gar keinen Fall alleine hinfahren oder -gehen sollte. Weil alle Reiseführer davor warnen. Wo die Kriminalität um ein Vielfaches grösser ist als anderswo.

Prima, diese gemeinsame Reise fing ja schon gut an. Langsam geriet ich in Wallungen, schaute panisch nach rechts und links und fuhr mit Magenschmerzen weiter. Denn auch das wurde einem von allen Seiten eingebläut: „Bloss nie anhalten im Township oder wenden. Und schon gar nicht nach dem Weg fragen oder aussteigen.“

„Wer anhält, hat verloren.“

Todesmutig also quer durch. Bloss nicht auffallen…nicht zu schnell…aber auch nicht zu langsam fahren.

Trotz unseres Unwohlseins konnten wir uns doch nicht der exotischen Ausstrahlung und dem maroden Charme dieser uns so fremden Umgebung entziehen. Direkt an der Strasse wurde in Blechtonnen über offenem Feuer gegrillt. Da sassen farbig gekleidete, stattliche afrikanische Frauen vor Ihren Hütten und rupften Hühner. Wieder andere sassen an offenen Lagerfeuern. In deren Mitte der für Südafrika typische, gusseiserne Dreibein Kochtopf, auch Poitje genannt, stand. Darin bereiten die Afrikaner vor allem ihren Maisbrei Mealie-Pap zu, aber auch die unterschiedlichsten Fleisch- und Gemüse-Eintöpfe oder Curry Gerichte. Sogar Brot kann man in diesem Allround Kochtopf backen. Wer einmal einen Eintopf gegessen hat, der fachmännisch in diesem archaischen Kochgeschirr zubereitet wurde auf offenem Feuer oder Grillkohlen Glut. Der möchte nie mehr einen anderen Eintopf essen. Und um mehr „Appetit“ auf Südafrika zu bekommen, siehst Du hier unser Lieblings-Poitje-Gericht, Chicken Curry Poitje:

„Na, Appetit bekommen?“, dann lass uns schnell fortfahren in der Geschichte, bevor Du selbst den Kochlöffel zu schwingen beginnst…zurück nach Nyanga, ins Township:

Überall sprangen Kinder spielend umher, die uns lachend zuwinkten. Und laute afrikanische Musik plärrte irgendwo aus einer Hütte. Trotz des Elends und der desperaten Umgebung sahen wir erstaunlich viele lachende Gesichter – tagsüber vor allem Frauen, Kinder und ältere Menschen, da die meisten Männer vermutlich irgendwo arbeiteten.

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Strassenverkauf in Südafrika.

Ich möchte hier jedoch nichts schön reden, was in Wahrheit ein trauriges Kapitel ist und erschreckender Alltag in Südafrika. Und auf gar keinen Fall möchte ich jemanden dazu ermuntern, unserem Beispiel zu folgen. Wir hatten einfach das Glück der Unwissenden, tagsüber mitten durch das geschäftige Treiben eines der grössten Slums zu fahren, ohne in irgendeiner Form belästigt zu werden.

Organisierte Township Touren.

Wer nach Südafrika reist und sich ebenfalls für die Townships interessiert, kann vor Ort organisierte Touren buchen. Bei denen auch meist ein Besuch eines typischen kleinen Restaurants mit authentischen afrikanischen Speisen inklusive ist. Oder ein Abstecher in eine der früher illegal betriebenen kleinen Bars, „shebeen“ genannt. Südafrika Reisende sind diesbezüglich in zwei Lager geteilt: die einen lehnen diese organisierten Touren ab, da sie das Gefühl haben, Touristen fahren durch die Townships wie durch einen Zoo und begaffen das Elend. Einerseits verständlich. Andererseits sind diese Touren aber auch eine Möglichkeit für die Township Bewohner, ein bisschen Geld zu verdienen, um Ihr Leben zu finanzieren. Und vielleicht tragen diese Zusammentreffen auf beiden Seiten ja auch zu mehr Verständnis bei. Und bauen Berührungsängste ab. Diese Frage muss sich jeder Südafrika Besucher selbst beantworten. Eine organisierte Tour ist aber in jedem Fall die sichere Alternative zu unserer Variante.

Uns hatte der Zufall nun diesen Ausflug in „das andere Kapstadt“ beschert. Und somit einen kurzen, authentischen Einblick gewährt, wie jenseits der schönen Strände und der heilen Welt der Kapregion gelebt wird. Nach den ersten Schrecksekunden waren wir uns hinterher Beide einig, dass für uns auch die weniger schönen Seiten dieses Landes zur Südafrika Reiseerfahrung dazugehören.

Nach einiger Zeit hatten wir dann mithilfe der Strassenschilder wieder auf die ursprüngliche Schnellstrasse zurück gefunden. Und sind letztendlich abends auch heil an unserem eigentlichen ersten Tagesziel gelandet, in Clifton Beach, einem Teil des „weissen Südafrika“.

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Sonnenuntergang am Clifton Beach.

Und obwohl ich meinen Liebsten mitten im Township kurzfristig gerne meistbietend verkauft hätte wegen „seines tollen fachmännischen Abkürzungs-Tipps“. War es am Ende wie so oft im Leben:

„Die interessanten Dinge erlebt man oft jenseits der Hauptwege. Per Zufall und weil man mutig genug ist, die Nebenstrassen auch einmal zu Ende zu gehen“.

Unsere gemeinsame erste „Township Erfahrung“ war für uns schliesslich der Beginn einer wunderbaren „Reise Freund-und Partnerschaft“…die uns noch so manches spannende und skurrile Erlebnis auf unserer Südafrika Reise und auf weiteren Touren bescherte.

Und ja, der gute Ernest hatte am Ende Recht:

„Man sollte auf jeden Fall immer nur mit Menschen reisen, die man liebt!“

nurMUT…die Nebenstrassen führen oft auf spannenden Umwegen zum Ziel! Petra

4 Kommentare zu Südafrika – Die Abkürzung durchs Township

  1. Spannnend ? … Gut dass euch nix passiert ist. …. Kapstadt find ich ja wunderschön, aber es ist sehr schade dass es immer diesen schalen Beigeschmack von Kriminalität, Gefahr und Armut hat. So eine wunderschöne Stadt, aber es wird wohl noch viele Jahre dauern bis sie sich von der Apartheid und den vielen Problemen erholt hat. Ganz wunderbar sind die Menschen in dieser tollen Stadt 🙂
    Ich war bei einer egführten Tour dabei, die ich auch empfehlen kann. Ist bestimmt sicherer als es so zu machen wie ihr beiden. Da hast recht ?

    Alles Liebe ?

    • Hallo Nele, danke für Deinen Kommentar. In Kapstadt ist es wie im richtigen Leben: Höhen und Tiefen liegen oft nur einen Steinwurf von einander entfernt. Ich finde, wenn man das als Reisender nie vergisst und alle Menschen ehrlich respektiert, die man trifft, ist viel gewonnen…Herzliche Grüsse

  2. Na super ihr verfahre euch in Kapstadt und wir laufen uns ’nen Wolf?
    Aber mit Zuversicht und dem Vertrauen dass alles gut wird schafft man vieles! Und ich liebe Geschichten die z.B. mit „weißt du noch in Kapstadt damals…“ LG PETRA

    • Liebe Petra,
      wie Oskar Wilde schon so schön sagte „am Ende wird alles gut..und wenn es nicht gut ist, ist es auch noch nicht das Ende!“

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