Langeweile – oder: Warum der Chinese sitzt, wenn er sitzt.

Wie Langeweile Dein Leben bereichern kann.

Chinesischer-sitzender-Buddha

Heutige Kinder kennen keine Langeweile mehr?

Neulich hörte ich im Radio eine wissenschaftliche Reportage darüber, dass die heutigen Kinder keine Langeweile mehr kennen. Und welche negativen Auswirkungen das aus psychologischer und soziologischer Sicht haben kann.

Das klingt erst einmal absurd. Tun wir doch heutzutage extra alles, um keine Langeweile aufkommen zu lassen. Entertainment und Beschäftigung rund um die Uhr ist das Motto. Für Kinder und Erwachsene. Ein Termin jagt den anderen. Vom Ballettunterricht in den Yogakurs, Englisch für Vorschüler, Chinesisch für Teenager. Von den Motto Kindergeburtstagen mit Animation ganz abgesehen. Unsere Kinder werden bespasst und sind beschäftigt. Die Eltern haben das Gefühl, ihnen alle Chancen zu bieten, die das moderne Leben erfordert… Und das ist doch gut so, oder? Da kommt eben keine Langeweile mehr auf!

Langeweile ist ja auch ein höchst negativ belegtes Wort, das es tunlichst zu vermeiden gilt.

Nach der Reportage dachte ich an meine eigene Kindheit zurück.

Langeweile – persönliches Unwort oder Chance?

Wie oft war es mir als Kind stinklangweilig! Denn ich war Einzelkind und meine Eltern arbeiteten immer an den Wochenende und in den Ferien. Dann, wenn andere Eltern Ausflüge mit ihren Kindern machten, gemeinsamen Hobbies nachgingen oder verreisten. Und ich? Hasste die Wochenenden und die grossen Ferien, denn die waren langweilig! Und freute mich auf die Schule am Montag oder nach den Sommerferien.

Aber irgend etwas musste ich ja auch machen an den langweiligen Tagen, wenn die anderen Kinder keine Zeit für mich hatten…also malte ich viel. War im Sommer den ganzen Tag draussen im Garten und beobachtete stundenlang Vögel, Kleingetier, Käfer, Spinnen, Schnecken. Versank in diesen Beobachtungen und vergass Raum und Zeit um mich herum. Fing an, mich in meiner Phantasie in die Welt der Tiere hinein zu versetzen. Unternahm mit meinem kleinen Dackel Exkursionen durch die dörflichen Wiesen und Wälder. Liess mich treiben, wohin es mich eben so trieb.

Laubwald-Gaiser-Herbst

Oder manchmal sass ich auch nur „gelangweilt“ im elterlichen Geschäft hinter der Ladentheke und beobachtete aufmerksam die Kunden. Und hörte ihnen zu, was sie zu erzählen hatten, wie sie miteinander oder mit meinen Eltern redeten. Und dachte darüber nach, versuchte Muster zu finden. Oder die gehörten Dinge in einen Zusammenhang zu bringen. Und die Geschichten „dahinter“ zu ergründen und mir in schillernden Farben auszumalen.

Vor lauter Langeweile fing ich sogar an, Buchstaben aus der Zeitung nachzumalen. Und fragte dann meine Eltern, was das bedeutet. So lernte ich eher zufällig und nebenbei vor der Einschulung das Lesen.

Und nach der Einschulung eröffnete mir Lesen und Schreiben nochmals ganz neue Perspektiven für meine „einsamen“ langweiligen Zeiten. Ich wurde zur Leseratte, dachte über das Gelesene in Ruhe nach. Und  fing selbst an, meine Gedanken und Erlebnisse aufzuschreiben. Meiner Phantasie freien Lauf zu lassen. Und mir Geschichten auszudenken.

Heutzutage würde man solch ein Kind vermutlich als Eigenbrötler oder „Freak“ bezeichnen. Und ihm aus pädagogischer und psychologischer Sicht vielleicht spätere Kontaktarmut, fehlende Interessen oder Ähnliches prognostizieren.

Hätte man mich damals gefragt, hätte ich vermutlich auch gesagt: „Langeweile ist totale Scheisse!“ Und hätte liebend gerne etwas geändert an der Situation. Mehr „Action“ in meinem Leben gehabt.

Im Nachhinein betrachtet bin ich gar nicht mehr so böse über diese „Leerlauf-Zeiten“. In denen ich partout nichts zu tun hatte im üblichen Sinne. Denn sie lehrten mich, mich mit mir selbst und meiner unmittelbaren Umgebung in Ruhe zu beschäftigen. Dinge mit Musse zu suchen, in die ich eintauchen konnte. Ohne Zeitlimit und ohne Vorgaben. Und sie lehrten mich, nachzudenken, Visionen zu entwickeln und meine  wahren Träume, Sehnsüchte und Fähigkeiten aufzuspüren. Ich trainierte unbewusst Aufmerksamkeit und Achtsamkeit. Das wusste ich als Kind natürlich nicht.

Nachholbedarf und kein Platz mehr für Langeweile.

Später, während Studium und Berufsleben, traten diese „langweiligen Zeiten“ sehr schnell in den Hintergrund. Leistung, Ehrgeiz, Wettbewerb , die grosse weite Welt und die materiellen Vergnügungen und Ablenkungen unserer immer schneller drehenden Wirtschafts-Wachstums-Welt liessen auch mir keine freie Minute mehr.

Das spannende Leben auf der Überholspur, Multi-Tasking, das Zauberwort der Neuzeit. Der Drang, viele Sachen gleichzeitig zu machen, zu konsumieren und anderen damit zu imponieren, holte mich sehr schnell ein. Und ich hatte ja auch das Gefühl, grossen Nachholbedarf zu haben.

Ständige Erreichbarkeit, Vernetzung mit allen und jedem, Beschallung aus mehreren Quellen gleichzeitig, der totale Medien-Overflow…“Carpe diem – nutze den Tag“ bekommt in unserer modernen Gesellschaft eine ganz neue Bedeutung! Nämlich: packe soviel rein in Deinen Tag, wie Du nur kannst. Verlier keine Zeit! Denn „Zeit ist ja bekanntlich Geld!“.

Selbst frühere alltägliche „Zwangs-Pausen“ wie z.B. das Warten in einer Supermarkt Schlange oder auf den Bus. Busfahren, eine lange Zugfahrt oder Flugzeiten. Sogar der Schulweg sind heute dank Smartphone und Tablet PC gefüllt mit ununterbrochener Beschäftigung: „Non-Stop online Kommunikation und medialer Konsum“.

Keine Chance der Langeweile!


Plötzlich fällst Du in ein Loch!!!

Und was passierte? Während meines ausgefüllten Arbeitslebens mit vollen Terminkalendern? – In hektischen Zeiten sehnte ich mich oft nach Rückzug, Ruhe und Kontemplation.

Aber an meinen freien Wochenenden sass ich dann wie paralysiert zuhause, deprimiert, unfähig die Stille auszuhalten. Oder wirklich einmal auszuruhen und Dinge zu tun, die mir persönlich gut taten. Ich hielt es mit mir alleine und meiner „Langeweile“, die ich doch eigentlich zum Auftanken gebraucht hätte, nicht mehr aus. Hektisch organisierte ich Treffen mit Freunden, ging shoppen, essen, ins Fitness Studio mit Dauerbeschallung. Fuhr hunderte von Kilometern zu Freunden in andere Städte oder lenkte mich vor dem Fernseher ab. Nur, um bloss keine Langeweile aufkommen zu lassen.

Und verlor zusehends meine Mitte, meine Fähigkeit mit Langeweile und Mussestunden positiv und konstruktiv umzugehen. Ich wurde zusehends unzufrieden, aggressiv, genervt und unausgeglichen. Aber meine Umwelt, die Medien, die Wirtschaft, die ganze Welt suggerierte mir immer weiter: Du musst mitmachen, möglichst immer gleich drei Dinge auf einmal. Keine Langeweile aufkommen lassen. Dabei sein ist alles. Sport bis der Arzt kommt. Auspowern, dynamisch sein. Wissen, was angesagt ist. Interessante Menschen um Dich scharen. Je mehr und schneller, desto besser. Sogar Entspannung wird uns heute in Form von Wellness Angeboten, Sport- und Yogakursen oder Selbstfindungskursen als bezahlte Beschäftigung verkauft.

Zeit zum Nachdenken bleibt in solchen Lebensphasen nicht viel. Zum Reflektieren und Sortieren schon gar nicht. Und für all die schönen leisen Tätigkeiten und Fähigkeiten, die in meiner kindlichen Langeweile gewachsen waren, blieb natürlich erst Recht kein Raum mehr. Sie gerieten in Vergessenheit….jahrelang.

Zurück auf Start.

Vor einigen Jahren habe ich für mich persönlich gemerkt und entschieden, dass mir das ewige Leben auf der Überholspur nicht gut tut. Dass ich davon auf die Dauer krank werde und meine Wesenszüge verändere. Nicht mehr der Mensch bin, den ich ursprünglich einmal kannte und mochte. Sondern ein „Wunsch-Abziehbild“ der heutigen Industrie-, Medien- und Konsumgesellschaft.
Und der Clou daran: durch meine Jobs im Marketing war ich „Verführer und Verführte“ in einer Person. Täter und Opfer zugleich.

Und mit dieser Erkenntnis bin ich:

  • aus dem „ganz normalen Wahnsinn“ ausgestiegen und zurück aufs Land gezogen.
  • Habe, das Unwort „Multi-Tasking“ aus meinem Wortschatz verbannt, und konzentriere mich wieder stärker auf einzelne Dinge und Tätigkeiten.
  • Räume Ruhe- und Mussestunden bewusst Raum ein und habe wieder begonnen, ab und zu der Langeweile zu frönen.

Mein Mann und ich haben für uns ein „geflügeltes Wort“ gefunden, das einer zum anderen sagt, wenn man doch einmal wieder in die „Multi-Tasking-Falle“ zu tappen droht:

„Der Chinese sitzt, wenn er sitzt!“

Das ist unser Codewort für:

  • Durchatmen.
  • Zurücklehnen.
  • Nachdenken.
  • Den einzelnen Menschen, Dingen und Problemen die Aufmerksamkeit widmen, die sie verdienen.
  • Sich die Zeit nehmen, die es braucht.
  • Und eins nach dem anderen zu tun.

Anstatt in wilden Aktionismus zu verfallen.

In der Natur und beim Reisen die einstige Fähigkeit des „Versinkens“ in einen Anblick oder eine Tätigkeit lernen.

Einfach nur auf einer Bank in der Appenzeller Hügellandschaft sitzen und den Sonnenuntergang betrachten. Oder an einem Seeufer sitzend die Gedanken fliessen lassen.

Ententeich-Gäbris-Herbst-Appenzellerland

Stundenlang mit dem Hund an einsamen Winterstränden spazieren und den Moment geniessen ohne Ziel und Zweck. Im Winter am Atlantik gemütlich im Wohnmobil sitzen (ohne Fernseher!), weil es um 16:00 Uhr bereits dunkel wird, und einfach nur „sein“. 

„Go wit the flow…“

Oder beim Gärtnern völlig die Zeit vergessen. Beim Schreiben oder Kochen gar nicht bemerken, dass es draussen bereits dunkel geworden ist. Oder an sonnigen Tagen einfach nur so da sitzen und in den Himmel schauen, eine Ameise am Boden beobachten. Eine duftende Rose bewundern…

Das soll jetzt wirklich nicht esoterisch klingen und schon gar nicht belehrend:

Aus eigener Erfahrung plädiere ich ganz entschieden für mehr Langeweile im Leben! 

Und zwar nicht nur für die Kinder. Sondern für uns alle, denen sie abhanden gekommen ist. Denn ohne Langeweile keine Reflexion, keine Ruhe zum Nachdenken, keine Entspannung und keine Kreativität.

„Robert, was machst Du da?“

Und trotzdem, ganz unter uns: Auch ich ertappe mich immer wieder einmal dabei, meinen Mann zu fragen: „Was machst Du da?“, wenn er im Sessel sitzt. Und wenn er mir dann antwortet: „Nichts!“ Dann fühle ich mich jedes Mal an die „Szenen einer Ehe“ von Loriot erinnert. Der das Thema schon vor vielen Jahren so treffend auf den Punkt gebracht hat. „Wie, Du sitzt da? – Du musst doch irgendetwas tun, was Dir Spass macht!“  – „Ich sitze hier, weil es mir Spass macht…“

…und Du?

Macht Dir Langeweile Spass? Oder findest Du sie tödlich?

Sitzt Du, wenn Du sitzt? Oder erledigst Du gerne zehn Dinge gleichzeitig?

Wann war Dir das letzte Mal so richtig langweilig? Und was hat das mit Dir gemacht?

Schreibe mir…

nurMut…ein bisschen Langeweile tut ab und zu auch ganz gut! Petra

5 Kommentare zu Langeweile – oder: Warum der Chinese sitzt, wenn er sitzt.

  1. Guten Abend Petra
    Betreff: Langeweile
    Bei Kleinkinder kann es Stress sein, bei Heranwachsenden, ist es Faulheit, bei den Älteren, Bequemlichkeit,
    bei Zufriedenen, eine verdiente Auszeit.

  2. Kreitmayr Kurt // 04/11/2015 um 18:58 // Antworten

    Ja, das scheinen wir wirklich vergessen zu habe. Schließlich und endlich ist man ja „sozialisiert“. Da MUSS man ja etwas machen.
    Das Stück von Loriot trifft das Thema gut.
    Es gibt auch das „Narrenkastl schauen“ (auf einen imaginären Punkt schauen und die Gedanken fließen lassen) fast nicht mehr.
    Wie herrlich ist es, am Abend im Garten zu sitzen – die Arbeit Arbeit sein lassen – und einfach glücklich und zufrieden zu sein.
    Die Sorgen und Ärgernisse kommen eh früher oder später von alleine.
    Unsere Kinder (15 und 2 x 18 Jahre alt) gehen am ehesten von ihren „Kastln“ weg, wenn ihnen so richtig langweilig ist. Dann ist das Spazieren oder Skateboarden auch wieder interessant.
    Zum Glück erzeugt auch das dauernde Vorhandensein von PC, PlayStation, Handy und Tablet irgendwann Langeweile.

    • Lieber Kurt, und ich dachte schon, ich sei alleine mit meinem Plädoyer…danke Dir vielmals für Deinen Kommentar und herzliche Grüsse. Petra

  3. Hallo Petra,
    ein ganz toller Artikel! Auch ich kenne noch gut die öden Nachmittage als Kind, wenn niemand sonst Zeit zum Spielen hatte.
    Ich liebe die Langeweile, für mich ist das ein unglaubliches Gefühl von Freiheit. Ich kann mir dabei ganz viele Sachen überlegen, die ich machen könnte… und dann entscheiden, dass ich rein gar nichts davon tun muss. Liebe Grüße!! Annett

    • Liebe Annett, herzlichen Dank für Deinen Kommentar. Du hast Recht, es ist ein Stückchen Freiheit, wenn man mal nichts müssen muss…Liebe Grüsse Petra

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